Den Wert der Milch wieder schätzen lernen

Die Niederösterreicherin Bernadette Waldherr beschäftigt sich mit den Werthaltungen bäuerlichen Wirtschaftens. Sie bedauert, dass in der Diskussion der derzeitigen Milchwirtschaft der Wert der Milch gar nicht mehr vorkommt. Die kostbare Milch wurde zur Massenware. Der LANDWIRT fragt nach.
Milch ist in ihrem Naturzustand ein sehr sensibles Lebensmittel, bei dessen Verarbeitung auch das Wetter und der Gemütszustand der Sennerin eine wesentliche Rolle spielt. Foto: LANDWIRT Archiv
Milch ist in ihrem Naturzustand ein sehr sensibles Lebensmittel, bei dessen Verarbeitung auch das Wetter und der Gemütszustand der Sennerin eine wesentliche Rolle spielt. Foto: LANDWIRT Archiv
Landschaftsplanerin Bernadette Waldherr stammt von einem kleinen Bauernhof mit Milchwirtschaft in Lichtenegg. Im Zuge ihrer Masterarbeit* an der Universität für Bodenkultur schrieb sie über das bäuerliche Wirtschaften - die Vorbilder, Leitbilder und Werthaltungen dahinter. Dabei fiel ihr auf, dass die Milchwirtschaft einen Wertewandel durchgemacht hat und der wahre Wert der Milch verloren ging. Sie mahnt zu einem bewussteren Umgang mit dem Lebens-Mittel Milch.

LANDWIRT: Was ist die Milch wert?

Waldherr: Ein Kunde eines Supermarktes würde vielleicht antworten: nicht mehr als 1,29 €. Die Antwort eines konventionellen Landwirts wäre im Sommer noch gewesen unter 30 Cent. Fragt man eine Mutter in Afrika, vor allem in jener Region, wo es schon zwei Jahre nicht geregnet hat, bedeutet Milch wahrscheinlich Leben für sie und ihre Familie.

Wenn man schaut, wie am europäischen Markt und darüber hinaus derzeit mit Milch umgegangen wird, könnte man meinen, die Milch ist ein Abfallprodukt geworden – etwas, das alle loswerden wollen. Kaum zu glauben, dass Milch auch ein wertvolles Gut ist und war.

Was macht Milch so wertvoll?

Die älteren Generationen erzählen vielleicht noch davon, dass Milch auf den Höfen neben Brot und Wasser zu den wichtigsten und wertvollsten Lebensmitteln gehörte. Sehr wertvoll war die Milch zu Beginn ihrer Geschichte. Sie galt als heilig – stand für Fruchtbarkeit und der Quelle des Lebens. Sie erfuhr in Gebräuchen und Ritualen besondere Wertschätzung. Natürlich kam diese Wertschätzung der Milch aus einem anderen Weltverständnis, als wir es heute haben. Die Wertschätzung der Milch als kostbares Gut gründet in der Tatsache, dass Milch die erste Nahrung für Säugetiere – und auch für uns Menschen ist.

Melkroboter, Laufstall und der hohe Einsatz von Kraftfutter veränderten auch unser Verständnis von der Kuh und ihrer Produkte. Foto: LANDWIRT Archiv
Melkroboter, Laufstall und der hohe Einsatz von Kraftfutter veränderten auch unser Verständnis von der Kuh und ihrer Produkte. Foto: LANDWIRT Archiv
Schätzen wir Milch heute weniger, weil es zu viel davon gibt?

Die Milch der Kuh erfuhr in der Geschichte bald eine besondere Bedeutung: Zum einen ist die Kuh ein wiederkauender Grasfresser – ihr ist es möglich für uns hochwertiges Eiweiß aus Gras zu erzeugen, das für uns Menschen sonst nicht als Nahrungsquelle zur Verfügung stehen würde; die Eiweißverwertung bei dieser Art von Milcherzeugung ist etwa doppelt so hoch wie bei der Fleischerzeugung. Zum anderen wurde das Rind bald als Arbeitstier eingesetzt und somit besonders verehrt. All das sind die heutigen, im Laufstall stehenden und Getreide- und Eiweißpflanzen fressenden Kühe nicht mehr. Auch ihre Milch und ihre Wertschätzung ist oft eine andere geworden.

Liegt der Grund in der Modernisierung?

Rein auf Milchwirtschaft spezialisierte Hofwirtschaften entstanden erstmals in den Alpen – dort wo kein Ackerbau mehr möglich war. Hofwirtschaften mit Ackerwirtschaft erweiterten ihre Viehhaltung zu jener Zeit, als Flächen zwischendurch mit Grünfutter bebaut wurden, um die Fruchtbarkeit zu erhöhen. Rinder waren Arbeitshelfer und brachten Dünger für die Felder. Die Milch war eine zusätzliche, kontinuierliche Einnahmequelle. Mit der Gründung von Molkereien und dem größeren Absatz von Milch in den Städten, stieg die Milchproduktion. Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg wuchs die Milchproduktion in Österreich rasch – es wurde mehr in Maschinen und Technik investiert. Die Milch wurde an immer größere und weiter entfernte Molkereien geliefert. Die Milch selbst braucht dabei immer länger, bis sie beim Konsumenten ankommt und viel technischer Aufwand ist notwendig um die Milch in schmackhafte Produkte zu verarbeiten. Tatsächlich ist Milch in ihrem Naturzustand ein sehr sensibles und vielfältiges Lebensmittel – so spielten bzw. spielen bei der Verarbeitung auch das Wetter und der Gemütszustand der Sennerin eine wesentliche Rolle.

Die industrielle Verarbeitung von Milch in Molkereien entfernte die Konsumenten immer mehr von der Urproduktion. Foto: LANDWIRT Archiv
Die industrielle Verarbeitung von Milch in Molkereien entfernte die Konsumenten immer mehr von der Urproduktion. Foto: LANDWIRT Archiv
Müssen wir die Zeit zurückdrehen?

Milch und Milchprodukte müssen nicht wieder wie einst hergestellt werden und die Industrialisierung in der Milcherzeugung und Milchverarbeitung hat auch gute Entwicklungen und Sicherheiten mit sich gebracht, mit denen wir weiterarbeiten können. Mit der Industrialisierung der einzelnen Arbeitsschritte in der Erzeugung, der Verarbeitung und dem Vertrieb, haben sich Erzeuger und Konsumenten immer weiter voneinander entfernt. Viele Zusammenhänge und Aufwände sind im fertigen Produkt nicht ersichtlich. Oft wird allein der Geldwert dargestellt. Allerdings sollte bei der Herstellung, Verarbeitung und dem Konsum nicht vor allem der Wert des Geldes und der möglichst hohe – immer höhere Gewinn im Vordergrund stehen, sondern das Wissen darum, dass hier Lebensmittel erzeugt, gehandelt und konsumiert werden. In der derzeitigen Debatte um den Milchpreis scheint der Wert der Milch – die Milch als wertvolles Lebensmittel – keinen Platz zu haben. Es scheint nur ums Geld zu gehen, das damit gemacht bzw. nicht gemacht wird. Wer Geld hat, hat die Macht – glauben wir und danach handeln wir. Eigentlich würden wir aber ohne Lebensmittel gar nicht erst ans Geldverdienen denken können.

Was empfehlen Sie?

Wir brauchen eine andere Sichtweise um der Milchkrise zu entkommen. Wir brauchen ganzheitlichere Lösungen, als sie bisher von der Politik und der Wirtschaft vorgestellt wurden. Milch ist ein Lebensmittel, das Leben ermöglicht und ist somit mit Geld nicht bezahlbar. Was die Milch wertvoll macht, können wir zum Teil aus ihrer Geschichte lernen. Die Milch ist wertvoll, wenn sie unter natur-, menschen- und tierwürdigen Bedingungen erzeugt wird und wenn LandwirtInnen ein würdiges Einkommen dafür erhalten. Die Milch ist wertvoll, wenn sie Leben ermöglicht und aufwertet.

Danke für das Gespräch.

Landschaftsplanerin Bernadette Waldherr fordert ein Umdenken in der Agrarpolitik. Foto: privat
Landschaftsplanerin Bernadette Waldherr fordert ein Umdenken in der Agrarpolitik. Foto: privat
*In ihrer Masterarbeit mit dem Titel „wurzeln-wandeln-bestehen“ widmete Bernadette Waldherr ein Kapitel dem Wertewandel der Milchwirtschaft. Sie besuchte sieben Hofwirtschaften in der Buckligen Welt und stellte fest, dass sie vor dreißig bis vierzig Jahren in der Wirtschaftsweise ähnlicher waren als heute. Die Wirtschaftsprinzipien der Bäuerinnen und Bauern, die einst hauptsächlich dem Prinzip des Erhaltens entsprachen, reichen heute von Erhalten, Suchen nach neuen Wegen, ökologischem Intensivieren bis hin zum Wachsen und Modernisieren. Mit der Änderung der Wirtschaftsweise verändern sich die Feld- und Hofstattorganisation und die Wirtschaftsbeziehungen der Bäuerinnen und Bauern. Ergebnis ihrer Arbeit ist, dass die derzeitige Agrarpolitik eine effizientere, wettbewerbsfähigere Landwirtschaft fördere, was Konkurrenz und Angst in das Zusammenleben der LandbewirtschafterInnen bringe. Kleinstrukturierte, subsistenzorientierte Landbewirtschaftung hingegen bringt Zusammenarbeit und beruht auf Gegenseitigkeit.

Aktualisiert am: 19.12.2016 12:32

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