Rumba mit Radieschen :-)

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kotelett 12-09-2010 16:44 - E-Mail an User
Rumba mit Radieschen :-)

Wie wir alle wissen, wird die Milch in Deutschland von schönen Sennerinnen handgemolken. Das Getreide für den Müsliriegel ernten kernige Landleute mit der Sense. Und der Schinken stammt von glücklichen Ferkeln, die von ihrem Bauern täglich gestreichelt wurden. Keine Branche stellt sich selbst in der Öffentlichkeit so irreal dar wie die Ernährungsindustrie.

Was dabei herauskommt, wenn die Menschen diesen Unsinn wirklich glauben, konnten wir jüngst in einer großen norddeutschen Zeitung lesen. Unter der Überschrift “Die mit dem Salat tanzt” wurde dort eine Agraringenieurin vorgestellt, die vor ihren Beeten Arme und Beine schwingt, um die Pflanzen zu besserem Wachstum anzuregen. Solches Gemüseballett ist Teil der Glaubenslehre Rudolf Steiners (1861-1925), dessen Anhänger die beliebten Demeter-Produkte herstellen. Sie verwöhnen ihr Grünzeug nicht nur mit Tänzen, sondern auch mit homöopathischen Extrakten aus Kuhhörnern, die zuvor, gefüllt mit Quarz und Mist, in der Erde vergraben wurden. Das kann natürlich jeder machen, wie er möchte. Doch die Art, wie die Zeitung darüber berichtet, ist erstaunlich und zeigt, wie weit das öffentliche Bewusstsein inzwischen von den Realitäten und Notwendigkeiten der Lebensmittelerzeugung entfernt ist. Denn es handelt sich bei dem Artikel nicht um eine Glosse über esoterische Versponnenheit, sondern um einen ernsthaften Bericht, der den Salattanz als Landwirtschaft der Zukunft vorstellt, in der “der moderne Bauer wieder glückliches Gemüse auf dem Teller hat” und Pflanzen nicht “vom Kosmos abgeschnitten sind”. Besonders gute Ernten könnten künftig erzielt werden, wenn Bauern “ihre Pflanzenbabys in die Arme nehmen” und “mit Tönen stimulieren”.

Seit zwei Generationen gibt es in Westeuropa eine breite Auswahl an Obst, Gemüse, Milchprodukten, Fisch und vielen anderen Lebensmitteln zu Preisen, die sich jeder leisten kann. Offenbar hat diese kurze Zeit ausgereicht, um viele Konsumenten vergessen zu lassen, wie diese in der Menschheitsgeschichte noch nie da gewesene Fülle erreicht werden konnte. Wie es kommt, dass weniger als drei Prozent der Bevölkerung heute die Ernährung aller sichern, während früher die große Mehrheit Bauern waren und die meisten von ihnen kaum mehr als das Brot für die eigene Familie produzierten.

Der große Irrtum steht im ersten Satz des Artikels: “Vor hundert Jahren war das Leben auf dem Bauernhof noch in Ordnung.” Offenbar hat die Autorin noch nie etwas über die Lebensumstände um 1910 gehört. Schwere Bildungsdefizite scheint es nicht nur bei integrationsunwilligen Migranten zu geben. Vielleicht sollte die norddeutsche Zeitung mal eine Serie über das Landleben unserer Urgroßeltern starten. So viel können wir schon mal verraten: Sie hatten keine Zeit, um vor ihrem Gemüse zu tanzen.

Michael Miersch
Erschienen in DIE WELT am 10.09.10



Tyrolens antwortet um 12-09-2010 16:51 auf diesen Beitrag - E-Mail an User
Rumba mit Radieschen :-)
Wenn man mit Menschen spricht, die heute so an die 90 Jahre alt sind, wird man das von ihnen Erzählte nur schwer glauben können.
Die wissen nämlich noch was Hunger ist. Ist vielleicht besser vorstellbar, wenn man sich vor Augen hält, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Suppen aus Pferdehufen gekocht wurde. Die Brotration in Petersburg lag 194 bei 125 g pro Tag.


helmar antwortet um 12-09-2010 19:49 auf diesen Beitrag - E-Mail an User
Rumba mit Radieschen :-)
Oder mit jenen, welche entweder vertrieben wurden oder flüchten mussten..........bei meiner Mutter durfte nichts weggeworfen werden, und wenn es für die Leut schon zu heikel gewesen ist, dann bekamen es die Hühner.
Hat heute jemand Ö3, Frühstück bei mir, gehört? Da war ein am laufenden Band schreibender Autor zu Gast, der jede Menge Ratgeberbücher nicht nur auf die Menschheit loslässt, sonder auch verkauft.......Wahnsinn!
Mfg, Helga



50plus antwortet um 13-09-2010 07:22 auf diesen Beitrag - E-Mail an User
Rumba mit Radieschen :-)
Oder wenn Bekannte aus der Stadt zu Besuch am Bauernhof waren, die nahmen sich die bei der Jause anfallenden Schwartln vom Geselchten mit nach Hause, daraus kochten sie eine Suppe. Nach dem 2. WK!

lg
50plus




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