Tagebuch
E-Mail an User
|
Eine Freundin ist hörig Im folgenden ein Artikel aus der heutigen Kleinen Zeitung. Widerspricht zwar den unumstößlichen Weisheiten mancher ForumsteilnehmerIn mit unantastbarer Lebenserfahrung, aber ich stelle den Artikel trotzdem herein. Walter „Kein Vater schlägt sein Kind gerne“ Hätten die Behörden im Fall von Amstetten doch früher etwas bemerken können? Und mit welchen Situationen ist man in der Jugendwohlfahrt tagtäglich konfrontiert? Im Gespräch mit drei Sozialarbeitern. ANDREA STANITZNIG Die Behörden haben versagt. Gutgläubig seien sie gewesen, hätten sich von Josef F. so täuschen lassen, dass sie keinen Verdacht geschöpft haben. Im Inzest-Fall von Amstetten war das Urteil schnell verhängt. „Wie kann man jemanden die Schuld für etwas geben, das völlig unsichtbar war. Wir haben ja keine hellseherischen Fähigkeiten“, meinen Johanna Steinwendter, Peter Leuk und Maria Langegger unisono. Die drei Diplomsozialarbeiter des Grazer Jugendamtes verstehen die Vorwürfe an ihre Kollegen in Niederösterreich nicht. Wie sie selbst über das grausige Verbrechen denken? „In erster Linie macht es betroffen. Nicht weil irgendjemand versagt haben soll, dass darf nicht das Thema Nummer eins sein. Im Vordergrund muss eindeutig das Wohl der Kinder stehen.“ Schwierige Situationen und Schicksale, wenn auch die besonders tragische Geschichte der Familie F. eine Ausnahme sei, gehören zum Arbeitsalltag der Sozialarbeiter. „Wenn die Familie es nicht selbst schafft, sich wie eine Familie zu verhalten, stehen wir unterstützend zur Seite“, erklärt Langegger. Kinder, die in einen langjährigen Sorgerechtsstreit ihrer geschiedenen Eltern geraten, Misshandlungen, seelische Grausamkeiten, die Liste der Ursachen ist vielschichtig und lang und macht vor keiner Gesellschaftsschicht halt. „Kein Fall ist wie der andere. Allerdings kann man nach langer Berufserfahrung bestimmte Schemata feststellen“, so Leutgeb. Eltern würden ihr Kind etwa nicht aus purer Grausamkeit schlagen. Probleme wie Verschuldung, Probleme in der Partnerschaft oder ein Suchtmittelproblem lassen das Leben der Erwachsenen aus dem Ruder geraten. Die Taten passieren oft aus Verzweiflung, „Niemand will, dass es ihren Kleinen schlecht geht. Kein Vater schlägt sein Kind gerne“, so die Experten. Auch ein schlagender Vater wolle im Grunde das Beste für sein Kind. Was für Außenstehende hart klingen mag. „Unsere Aufgabe ist es, so weit zu helfen, dass die Probleme im Umfeld bereinigt werden können. Dann ist auch ein normales Miteinander möglich“, so Steinwendter. Das bedeute aber nicht, dass man die Familien kontrolliert. „Wir sind nicht die Fürsorge, die unangemeldet in den Kästen der Betroffenen kramt. Wir haben aber oft mit diesem Vorurteil zu kämpfen.“ Bei den Entscheidungen bewegen sie sich in einem absoluten Grenzbereich. So muss etwa jedes Team, das über eine Entscheidung abstimmt, den idealen Moment finden, um in einer schwierigen Situation einzugreifen. Es ist nämlich nicht unbedingt das Beste, sofort Anzeige gegen einen Täter zu erstatten. „Man kann Missbrauch auch zu früh anzeigen. Auch wenn das schockierend klingt“, erklärt Leutgeb. Meldet man etwa sexuelle Übergriffe sofort und zwingt ein Kind zur Aussage, setzt das das Opfer unter Druck. „Im Endeffekt bekommt es dann Angst. Die Gefahr ist groß, dass es die Aussage zurücknimmt. Und dann glaubt ihm niemand mehr.“ Gerade wenn sich nicht das Opfer, sondern eine außenstehende Person beim Amt meldet, passiere das oft. Sobald das Jugendamt nämlich eingeschaltet ist, haben die Kinder Angst, die Familie verlassen zu müssen. Und das wollen sie nicht, sie wollen lediglich, dass die Streitereien oder das Schlagen aufhört. Gerade deshalb sei es wichtig, dass die Opfer selbst Hilfe suchen: „Wir müssen uns darüber Gedanken machen, warum das noch immer zu selten passiert.“ Auch Elisabeth F. hat sich vor ihrer Freiheitsberaubung nicht an die Behörden gewandt. Auch bei ihr, das glauben die Experten, dürfte die Angst davor wohl zu groß gewesen sein.
|