Was ist eigentlich „Panaritium“?

Entzündliche Schwellungen der Zehe dürfen bei Rindern nicht auf reinen Verdacht hin als „Panaritium“ eingestuft werden. Insbesondere wenn bereits Muskelschwund an der erkrankten Gliedmaße oder vermehrte Durchtrittigkeit an der gesunden Gliedmaße vorliegen, dann sollte vor dem Einsatz von Medikamenten eine genaue Untersuchung durch den Hoftierarzt erfolgen.
Schwellungen am Fuß können vielfältige Ursachen haben. Die Diagnose „Panaritium“ reicht nicht aus.
Schwellungen am Fuß können vielfältige Ursachen haben. Die Diagnose „Panaritium“ reicht nicht aus.
Der Name „Panaritium“ bedeutet frei übersetzt nichts anderes als „Entzündung in der Nähe des Nagels“. Welcher Art diese Entzündung ist, und welche Ursache sie hat geht aus diesem Namen überhaupt nicht hervor. Ziel jeder Untersuchung eines „Panaritiums“ sollte es sein, die eigentliche Ursache der entzündlichen Schwellung zu ermitteln, um daraus Schlüsse für eine angemessene Behandlung zu ziehen.

Ursachen sind vielfältig
Das was bei Rindern landläufig als „Panaritium“ bezeichnet wird, beschreibt im besten Fall eine frische Entzündung im Bindegewebe zwischen den Zehen. Der korrekte medizinische Name hierfür wäre: „Akute interdigitale Phlegmone“. Derartige Erkrankungen entstehen beispielsweise, wenn Eitererreger, insbesondere sauerstoffscheuende Bakterien (Anaerobe Keime) über Hautdefekte in das Fett- und Bindegewebe zwischen den Zehen eindringen und sich dort massiv vermehren. Folge ist dann eine plötzlich einsetzende, teils mit Fieber einher gehende, entzündliche Schwellung des Fußes mit erheblicher Lahmheit.
Besonders empfänglich sind Tiere mit engen, stark verschmutzten Zwischenklauenspalten und Tiere mit Zwischenklauenwülsten. Sauerstoffmangel und Hautreizungen durch Reibung ermöglichen es den Keimen, durch die vorgeschädigte Haut in tiefere Gewebeschichten einzudringen und schließlich eine „Phlegmone“ zu verursachen. Erkrankte Tiere können dann, besonders im Tieflaufstall, die Infektion auf weitere empfängliche Tiere übertragen.

Vorbeuge durch Sauberkeit
Eine Vorbeuge von derartigen Infektionen besteht in Sauberhaltung der Tierumgebung, und in vorbeugendem Klauenschnitt. Bei der Klauenpflege muss hierzu dem Zwischenklauenbereich besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Eine sorgfältige Säuberung dieser Region lässt beginnende Hautirritationen und oberflächliche Entzündungen an bereits vorhandenen Zwischenklauenwülsten erkennen.

Fazit
Die Bezeichnung „Panaritium“ für akute Weichteilschwellungen am Fuß des Rindes ist ein unpräziser Sammelbegriff, der aus tierärztlicher Sicht möglichst vermieden werden sollte. Nicht alle Schwellungen im Zehenbereich von Rindern sind ausschließlich durch eine lokale bakterielle Infektion verursacht. Auch lose Wände, komplizierte Sohlengeschwüre, und Gelenkentzündungen gehen beispielsweise mit einer lokalen Weichteilschwellung einher. Bei einer alleinigen antibiotischen Behandlung derartiger Erkrankungen, ohne vorherige Untersuchung des Fußes im Klauenstand, können wichtige Details, die allerdings größten Einfluss auf die Heilungsaussichten haben, übersehen werden. Nur durch eine dauerhafte Verbesserung der Belastungsverhältnisse und durch eine fachmännische chirurgische Sanierung der geschädigten Klauen ist eine dauerhafte Heilung mit vollständiger Wiederherstellung der Klauenfunktion zu erreichen. Antibiotika können dieses handwerklich-chirurgische Vorgehen bestenfalls unterstützen, aber keineswegs ersetzen.

Autor: Dr. Harald KÜMPER, Universität Gießen (D)


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Aktualisiert am: 09.10.2008 15:31
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