Was entscheidet über die Entwicklungsfähigkeit eines Betriebes? (Teil 1)

Galt die Landwirtschaft vor kurzem noch als ewig gestrige Branche, die perspektivlos am Subventionstropf hängt, wurde die Agrarbranche plötzlich zur Schlüsselindustrie der internationalen Weltwirtschaft. Wovon hängt es nun ab, ob ein Betrieb entwicklungsfähig ist?
Investitionspläne haben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die erzielbaren Deckungsbeiträge deutlich überdurchschnittlich sind.
Investitionspläne haben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die erzielbaren Deckungsbeiträge deutlich überdurchschnittlich sind.
Zunächst ist zu klären, was unter „Entwicklungsfähigkeit eines Betriebes“ zu verstehen ist. Die dazu nötigen Fähigkeiten und Voraussetzungen werden im ersten Teil des Beitrages erläutert.

Technischen Fortschritt nutzen
Technik und moderne Produktionslogistik bestimmen Strukturen und damit Betriebsgrößenentwicklung mehr als alle anderen Einflussfaktoren. Wir wissen, dass nicht nur in Süddeutschland und Österreich die technologisch möglichen und auch gewünschten Betriebsgrößen von mehr als der Hälfte der heute existierenden Unternehmen nicht erreicht werden. Bei begrenzt aufnahmefähigen Märkten führt steigende Arbeits- und Flächenproduktivität zwangsläufig zu einer weiteren Freisetzung von Arbeitskräften und damit zu einem fortgesetzten Rückgang der Zahl der Betriebe. Dies gilt für die Landwirtschaft im Allgemeinen, für die besonders produktiven Schweinehalter und Ackerbauern im Besonderen.
Bayerische Vorschätzungen (Studie Landwirtschaft 2020) gehen jedenfalls mindestens von einer nochmaligen Halbierung der heutigen Betriebszahlen in den nächsten 15 Jahren aus.
Auch wenn mehrheitlich die kleinen Betriebsgrößenklassen den Strukturwandel speisen, ist blinde „Flucht nach vorn“ mit Sicherheit kein guter Rat. Wenn Größe fehlt, muss Phantasie und Intelligenz dagegengesetzt werden. Der Weg vom familienbetrieblich strukturierten Bauernhof, in den Grenzen knapper Eigentumsflächen und suboptimaler Technologien zum dienstleistungsverbundenen Unternehmen einer kapitalintensiven Agrarwirtschaft ist vielfach der einzige Ausweg aus diesem Dilemma.

Einkommensansprüche decken und Eigenkapital bilden
Ein Betrieb ist dann entwicklungsfähig, wenn er in der Lage ist, die Einkommensansprüche der Personen (Familie + Lohn-Ak) zu decken, betriebliche wie private Vermögen zu mehren und ausreichend Kapital für Nettoinvestitionen zu bilden. Das mag simpel klingen, erklärt aber die wirtschaftliche Realität familienbetrieblich strukturierter Landwirtschaft besser als manche umfangreichen Vollkostenanalysen und BZA (Betriebszweiganalyse)-Ergebnisse.
Am besten lässt sich die hier formulierte Definition mit dem Einkommensbegriff Cash Flow III (Eigenkapitalbildung + AfA – Tilgung) beschreiben. Entsprechende Analysen von Buchführungsdaten bayerischer Vollerwerbsbetriebe ergeben, dass gemessen am Cash Flow weniger als 60 % der Betriebe wirklich stabil und damit entwicklungsfähig sind. Mehr als 40 % der Betriebe müssen als gefährdet oder gar existenzgefährdet bezeichnet werden. Dabei bestehen deutliche Unterschiede zwischen den Betriebstypen. So können die untersuchten Veredelungsbetriebe zu mehr als 70 % als stabil und entwicklungsfähig eingestuft werden, während Ackerbaubetriebe nur zu 50 % dieser Kategorie entsprechen.

Autor: Christian STOCKINGER, Vizepräsident der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft und Leiter des Instituts für Agrarökonomie, München


Aktualisiert am: 26.01.2009 18:18
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