VNS - Das Interview in voller Länge

Seit Februar 2006 leitet Thomas Poigner die Geschäft des niederösterreichischen Schweinezuchtverbandes (VNS). Im Landwirt-Interview legen er und Obmann Manfred Lindner ihre Strategie auf den Tisch.
Landwirt:
Herr Lindner, der VNS wird heuer 60 Jahre alt. Sie bezeichnen diese Zeit gerne als Erfolgsgeschichte. Welche Ereignisse und Personen machten dies zur Erfolgsgeschichte?

Geschäftsführer Dipl. Tierarzt Thomas Poigner (re.) und Obmann Manfred Lindner (li.) setzen auf eine Zusammenarbeit der österreichischen Zuchtverbände.
Geschäftsführer Dipl. Tierarzt Thomas Poigner (re.) und Obmann Manfred Lindner (li.) setzen auf eine Zusammenarbeit der österreichischen Zuchtverbände.


Lindner:
Neben den Gründungspersönlichkeiten ist natürlich der Name Dr. Alexander Liebscher untrennbar mit dem VNS verbunden. Er hat bereits in den 70er Jahren mit der Rasse Duroc Kreuzungsversuche durchgeführt. Er war auch ein starker Fürsprecher der Rasse Pietrain, für die er anfangs belächelt worden ist. Mittlerweile hat es sich gezeigt, dass der Pietrain seinen Siegeszug angetreten hat und von der österreichischen Schweineproduktion nicht mehr wegzudenken ist.

Landwirt:
Herr Poigner, Sie sind seit Februar 2006 Geschäftsführer des VNS und seit heuer Leiter der Besamungsstation Hohenwarth. Wie waren die ersten Eindrücke?

Poigner:
Der erste Eindruck ist, dass züchterische Aufgaben umfangreicher und vielfältiger sind, als sich das mancher vorstellt. Züchtung gestaltet die Arbeit im Stall interessanter.

Landwirt:
An welchen Schrauben wird in den nächsten Jahren in der österreichischen Zucht gedreht werden müssen, und welche Hürden warten auf die österreichische Züchtung?

Poigner:
Die große Hürde im nächsten Jahr ist die Marktlage. Wir haben die Situation, dass Futterpreise, steigen, während die Ferkelpreise im Keller sind. Wie die Mastschweinepreise da reagieren, ist für mich sehr schwierig vorhersagbar.
Die züchterischen Vorgaben sind im Rahmen der VÖS mit der gemeinsamen Zuchtwertschätzung vorgegeben. Hier würde ich auch keine wesentlichen Dinge ändern.
Die Aufgabe der Züchter sehe ich darin, mit der Strukturentwicklung mitzuhalten. Mäster und Ferkelproduzenten haben sich in den letzten Jahren sehr rasch entwickelt. Die Züchter müssen nachziehen.

Landwirt:
Wie sieht die Betriebsgrößenstruktur der Zuchtbetriebe aus?

Poigner:
Ein Großteil der Betriebe bewegt sich um die 70 Sauen. Es gibt ein paar traditionelle Züchter, die sind schon älter Diese machen das mehr oder weniger als Hobby und haben ihre Stammkunden. Die etablierten, größeren Betriebe haben zwischen 100 und 160 Zuchtsauen.
Mit etwas Organisationstalent war es auch bisher immer möglich, neue Stallungen gut mit der Erstbestückung zu versorgen.

Landwirt:
Wie erklären Sie den Zuchtbetrieben ein notwendiges Wachstum?

Poigner:
Die Wirtschaftlichkeit gibt das vor. Mäster haben mit Betriebsgrößen vorgelegt, Ferkelerzeuger sind nachgezogen, weil Mäster große Partien verlangt haben und die Züchter müssen mithalten, weil der Ferkelerzeuger den Lieferanten suchen wird, der zu ihm passt. Wer das ist, entscheidet der Kunde. Wir wünschen uns, mit 50 Sauen ein Familieneinkommen zu erzielen, das ist in ganz Mitteleuropa so und auch in ganz Mitteleuropa bereits Geschichte.

Zunahmen contra Magerfleisch

Landwirt:
Die Überprüfung der Formel zur Berechnung des Muskelfleischanteils am Schlachtschwein hat ergeben, dass die Tiere wesentlich magerer sind. Wäre es nicht eine sinnvolle Reaktion, das Hauptaugenmerk weg von der Fleischfülle und hin zu Lebenszunahmen zu legen?

Poigner:
Gleich nach Bekanntwerden der Ergebnisse der Formelüberprüfung sind genau diese Fragen aufgetaucht und erste Rufe laut geworden, was zu tun sei. Nach einer kurzen Überlegungsphase haben die Schlachtbetriebe gemerkt, dass das jetzige Produkt gut zum Markt passt.
Zu den Zunahmen will ich Zahlen sprechen lassen. Wir überprüfen in der Schweineprüfanstalt in Streitdorf immer wieder Mastendgruppen. Der letzte Durchgang lag bei ca. 880g Tageszunahmen und 59,2% Magerfleischanteil. Das beweist, dass es die Genetik in sich hat. Dass Zunahmen und Fleischfülle nicht unbedingt positiv korrelieren, ist klar. Der Mittelweg mit wirtschaftlicher Optimierung wird angestrebt. Da sind Produktionsbedingungen ein wesentlicher Punkt, Genetik ist ein anderer Punkt.

Lindner:
Der Pietrain ist in der Stresssanierung schon sehr weit fortgeschritten und hat auch bei den Zunahmen stark zugelegt, obwohl ein Pietraineber seine Attribute punkto Fleischfülle und Trockenheit sicher nicht verlieren darf. Auf der Mutterseite geht die Zucht immer mehr Richtung Mütterlichkeit, Fruchtbarkeit und Lebensdauer und das geht eben auch einher mit etwas mehr Speckauflage. Deshalb wird der Pietrain mit seiner Trockenheit gefragt bleiben.

Landwirt:
Ist das Einkreuzen von Duroc zur Zunahmensteigerung ein Thema?

... Die Aufgabe des Züchters sehe ich darin, mit der Strukturentwicklung mitzuhalten. ...
... Die Aufgabe des Züchters sehe ich darin, mit der Strukturentwicklung mitzuhalten. ...


Poigner:
Duroc zeigt bei Futteraufnahme und auch Richtung Wachstum und Stabilität in der Ferkelaufzucht und Vormast in vielen Fällen erfreuliche Eigenschaften. Wissenschaftlich ist das aber sehr schwer beweisbar, weil in der Praxis die Umgebungsbedingungen sehr unterschiedlich sind. Duroc wird vom Mäster geschätzt, sei es jetzt als Pit/Duroc – Kreuzung, wo die Selektionsrate allerdings sehr scharf ist, oder auf der Sauenseite, wobei in beiden Fällen 25% Durocanteil übrig bleiben. Beide Varianten sind vom Mäster eigentlich gerne gesehen. Wir haben im VNS unser Landrasse/Duroc – Programm und je nach Nachfrage richten wir uns danach. Auf der Sauenseite ist dies eben mit einer gewissen Zeitverschiebung verbunden.

Landwirt:
Die Fruchtbarkeitsleistungen stiegen in den letzten Jahren nicht in dieser Dimension an, wie man es bei den Mastleistungen beobachten konnte. Muss sich hier die Züchtung den Vorwurf gefallen lassen, zu wenig auf Fruchtbarkeit selektiert zu haben?

Poigner:
Ich glaube, die Effekte kommen aus zweierlei Gründen. Erstens ist durch die Mast- und Schlachtleistungsprüfung eine gute und relativ objektive Datengrundlage der Eberauswahl gegeben. Das bringt einen sehr großen Fortschritt. Diese objektive Datenerfassung wie in der Stationsprüfung ist bis dato in der Sauenselektion nie möglich gewesen. Das macht jeder Züchter für sich und jeder Züchter etwas anders. Feldprüfung und Stationsprüfung haben eben andere Geschwindigkeiten.
Zweitens ist schon von Anbeginn der Ferkelproduktion auf die Ferkelzahl geschaut worden. Das heißt, was in den letzten 20 Jahren punkto Mastleistung an Optimierung gelaufen ist, hat punkto Fruchtbarkeit schon Jahrzehnte zuvor begonnen, weil jeder Schweinezüchter selbst selektiert hat. Die biologische Grenze ist näher gerückt, ohne wesentlich an Stabilität und Robustheit einzubüßen. Höhere Leistungen gehen immer mit höherer Empfindlichkeit einher und da kommt man irgendwann zu einer Wirtschaftlichkeitsgrenze.

Französische Sauen

Landwirt:
Immer wieder hört man von besonders fruchtbaren Sauen aus Frankreich. Kann man dieses Potenzial durch Einkreuzen nutzen?

Poigner:
Die Kombination von Sauenlinien, die weit auseinander liegen, bringt immer positive Effekte. Das Hyperprolifik-Programm aus Frankreich hat seinen Erfolg darin gefunden, dass aus einer sehr großen Gruppe von Sauen mehrerer französischer Zuchtverbände die besten Sauen abgeschöpft wurden. Auch wir haben solch fruchtbare Sauen in Österreich stehen, aber eben nicht in dieser Quantität als das wir uns leisten könnten, nur mit den 25% besten weiterzuzüchten.

Lindner:
Die positiven Effekte sind aber auf beiden Seiten erkennbar. Die Franzosen kreuzen unsere Linien ein und umgekehrt. Umso wichtiger ist, dass in absehbarer Zeit auch die Ferkelleistungen draußen auf den Ferkelringbetrieben in die Zuchtwertschätzung einfließen. So lässt sich wirklich erkennen, was die Kreuzungssau draußen im Feld auf die Reihe bringt. Das ist eine Menge an Daten, aus denen man dann schneller Schlüsse ziehen kann.

Züchtung auf Gesundheit

Landwirt:
Gewissen Krankheiten wird eine Vererblichkeit nachgesagt. Kann man diesen Gedanken weiterspinnen und in Zukunft auf Gesundheit selektieren?

Poigner:
Züchtung auf Gesundheit ist ganz eng mit der Züchtung auf Leistung gekoppelt. Man muss sich die Frage stellen, was braucht man und was will man?

Lindner:
Duroc hat den einen oder anderen gesundheitsresistenten Ansatz, allerdings sind das unsere Beobachtungen, die sich bisher nie wissenschaftlich beweisen ließen.

Poigner:
Gesundheit hat eine Erblichkeit, die so klein ist, dass die Züchtung in diese Richtung keinen Sinn hat. Wenn ich gesunde Schweine haben will, muss ich entsprechende Umgebungsbedingungen schaffen! Coliresistenzen gibt es und diese versucht man, einzuarbeiten. Man kann aber nicht davon ausgehen, dass diesen Schweinen nichts passiert, wenn der Infektionsdruck steigt werden auch diese Tiere krank. Wer gesunde Schweine will, braucht entsprechende Hygiene und gutes Management.

Landwirt:
Man hört, der VNS sei eine Kooperation mit dem Schweinezentrum Gießhübl eingegangen. Welche Vorteile zieht man daraus?

... Der Pietrain darf seine Attribute punkte Fleischfülle und Trockenheit nicht verlieren. ...
... Der Pietrain darf seine Attribute punkte Fleischfülle und Trockenheit nicht verlieren. ...


Lindner:
Das stimmt so nicht. Das Schweinezentrum Gießhübl ist ein volles Mitglied in unsere Reihen, mit allen Rechten und Pflichten wie jeder andere Mitgliedsbetrieb. Es gibt ein großes gemeinsames Ziel, Jungsauen zu verkaufen. Natürlich ist die Möglichkeit, ein umfangreiches Jungsauenangebot aus einem großen Betrieb wie diesem mit 600 Sauen zu stellen, auch für den Verband positiv zu bewerten.

Landwirt:
Wenn man sich Züchtung europaweit ansieht, fällt auf, dass große Zuchtunternehmen überall expandieren, in Österreich aber kaum Fuß fassen können. Woran liegt das?

Lindner:
Weil wir gut sind, das ist die einfachste Antwort.

Poigner:
Unsere Kunden sind mit unserem Angebot bisher zufrieden gewesen. Auf der anderen Seite gibt es gewisse Länderunterschiede und diese korrelieren mit strukturellen Unterschieden.

Lindner:
Es ist wichtig, dass die Zuchtverbände und Züchter immer den Markt im Blickfeld haben und danach produzieren. Österreich ist ein spezieller Markt.

Poigner:
Aufgrund der engen Beziehung zwischen Zuchtverbänden, Ferkelringen und Schweinebörsen haben wir bisher genau das produzieren können, was die nach gelagerten Produktionsstufen bis hin zur Verarbeitung in Österreich brauchen. Je enger diese Kooperation ist, umso weniger ist von außen Genetik ins Land geflossen und umso verhaltener war die Strukturentwicklung.
Wenn man die Entwicklung zwischen den Bundesländern Oberösterreich und Steiermark vergleicht, erkennt man, dass die Strukturentwicklung in der Steiermark einen Schritt schneller ist aus genau den genannten Gründen. Das ist eine allgemeine Beobachtung.

PIG.AT

Landwirt:
Österreich ist ein kleines Land mit einer kleinen Schweinezucht. Gibt es Ansätze der Zusammenarbeit der einzelnen Verbände?

Poigner:
Im VÖS Zuchtausschuss geschieht gegenwärtig bereits eine gemeinsame Zusammenarbeit. Der nächste Schritt ist, bei Vermarktungsstrukturen enger zusammenzurücken. Das passiert im Exportgeschäft seit einem Jahr sehr gut. Ähnlich muss auch die Vermarktung im Inland mehr Gemeinsamkeiten bekommen. Die Marke PIG.AT ist bereits ins Leben gerufen, es ist nur die Frage, wie schnell wir hier zu einer Umsetzung kommen werden

Lindner:
Eine gemeinsame Vermarktungsorganisation für den österreichischen Markt hätte aus Marketingsicht eine viel bessere Effizienz. Dies ist in Zeiten, in denen öffentliche Fördergelder knapper werden, ein wichtiges Argument. Eine öffentlich zugängliche Arbeit an der Landeszucht kann nur durch die Unterstützung der öffentlichen Hand finanziert werden.

Poigner:
Fördergelder kommen nicht von ungefähr, das hat ja einen Hintergrund. Es war immer der Wunsch der öffentlichen Hand, für die Landeszucht entsprechend Arbeit zu leisten und genetisches Material im Schweinebereich zur Verfügung zu stellen. Große Zuchtunternehmen machen das nur gegen entsprechende Lizenzgelder, weil es anders nicht finanzierbar ist. Solange der Wunsch besteht, das ganze für die Allgemeinheit zugänglich zu halten, sind diese Organisationen derzeit auf Förderung angewiesen, ansonsten kippt das System. Wir investieren in die Gesundheit, setzen bei der Basis den Hebel an und investieren in die Genetik.

Landwirt:
Der Schweinezuchtverband Oberösterreich hat mit dem niederösterreichischen Zuchtunternehmen Hardegg eine Kooperation vor allem für das Exportgeschäft eingegangen. Stellt das für den VNS ein Problem dar?

Lindner:
Wenn die Kooperation gegenüber dem VNS fair betrieben wird, stellt das für uns kein Problem dar. Es kann aber nicht sein, dass Hardegg in Oberösterreich im Namen des Schweinezuchtverbandes auftritt und in Niederösterreich unter seiner alten Marke. Das kann nur sinnvoll über eine österreichische Vermarktungsorganisation ablaufen.

Poigner:
Der Generationswechsel in der Führung der Zuchtverbände und Besamungsstationen ist Österreichweit abgeschlossen. Daher sehe ich jetzt die große Chance der Zusammenarbeit. Ich bin überzeugt davon, dass unsere Konkurrenz nicht in Österreich zu finden ist. Die Konkurrenz kommt von großen weltweit agierenden Zuchtunternehmen. Da stellt sich nur die Frage, ab wann der österreichische Markt für die interessant sein wird.

Besamungsstation Hohenwart

Landwirt:
Herr Poigner, seit heuer sind Sie auch Leiter der Besamungsstation Hohenwart. Wie sieht Ihre erste Analyse aus?

Poigner:
Wir entwickeln uns gut, die Eber- und Spermaqualität passt und die Kunden sind vor allem mit der Zustellung sehr zufrieden. Unser Stationstierarzt Dr. Ferdinand Entenfellner hat einen Qualitätsstandard eingeführt, der bis zum Kunden ankommt und sich in der Ferkelzahl auswirkt. Die Umsatzentwicklung ist zufriedenstellend. Geht die Entwicklung so weiter werden wir in Hohenwarth bald mehr Eberplätze brauchen.

Lindner:
Besonders gut hat sich die Hofzustellung bewährt, sie kommt bei den Kunden sehr gut an. Wir stellen das bestellte Sperma direkt zu, so dass der Landwirt nicht mehr zu Depotstellen fahren braucht. Auch die Qualität ist sehr gut, sowohl Eber- als auch Spermaqualität. Wir verdünnen nur mit Langzeitverdünner.

Landwirt:
Ich danke für das Gespräch.


Aktualisiert am: 03.10.2007 09:50

Landwirt.com Händler Landwirt.com User