Sind Neonikotinoide der Grund für das Bienensterben?

Das Thema Bienensterben wird derzeit medial stark mit dem Einsatz von Neonikotinoiden in Verbindung gebracht. Wir sprachen mit dem Ehrenpräsident des Österreichischen Imkerbundes Josef Ulz, was wirklich daran liegt.
Ich meine, dass es ein Fehler war, dass nicht von vornherein die vielen Untersuchungsergebnisse der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten an einer neutralen fachkompetender Stelle der EU gebündelt wurden und dann anhand der vorhandenen Ergebnisse eine einheitlich EU-Konforme Regelung getroffen wurde.
Ich meine, dass es ein Fehler war, dass nicht von vornherein die vielen Untersuchungsergebnisse der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten an einer neutralen fachkompetender Stelle der EU gebündelt wurden und dann anhand der vorhandenen Ergebnisse eine einheitlich EU-Konforme Regelung getroffen wurde.
landwirt.com: Nachdem die EU-Mitgliederstaaten zuletzt im Berufungsausschuss keine qualifizierte Mehrheit für den Kommissionsvorschlag gefunden haben, wird die EU-Kommission die Nutzung der neonikotinoiden Wirkstoffe Clothianidin, Imidacloprid und Thiametoxam voraussichtlich ab 1.12. für vorerst zwei Jahre einschränken. Ist damit das Bienensterben beendet?

Josef Ulz
Natürlich nicht, da das Bienensterben mehrere zum Teil noch nicht exakt zuordnungsbare Facetten hat und die neonikotinoiden Wirkstoffe höchstwahrscheinlich nur ein Puzzel dieser Problematik darstellen. Es gibt uns aber die Chance, die Rolle der neonikotinoiden Wirkstoffe in dieser Phase genauer unter die Lupe zu nehmen. Wenn gerade erwerbsorientierte Imker, welche trotz Varroamilbe erfolgreich ihre Bienenvölker führen konnten und dies in den letzten Jahren nur mehr eingeschränkt möglich ist, so muss etwas passiert sein, dass wir dringend abklären müssen, sowohl im Sinne der Umwelt, aber auch für die Gewährleistung des Weiterbestandes der zukünftigen Imkerei.

Landwirtschaftsminister Berlakovich hat beim besagten Ausschuss gegen das Verbot gestimmt. Es fehle noch immer an einer sachlichen Grundlage, so das Argument. Damit schlägt er in die gleiche Kerbe wie die EFSA, die noch weitere Studien fordert. Ein Wissenschaftsgremium soll nun die vorhandenen Studien analysieren. Berlakovich wird von den Imkern und in der österreichischen Tagespolitik in diesen Tagen ob seiner Aussagen stark kritisiert. Was ist daran falsch?

Josef Ulz
Ich meine, dass es ein Fehler war, dass nicht von vornherein die vielen Untersuchungsergebnisse der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten an einer neutralen fachkompetender Stelle der EU gebündelt wurden und dann anhand der vorhandenen Ergebnisse eine einheitlich EU-Konforme Regelung getroffen wurde. Es ist einem Laien schwer erklärbar, dass in einem Land die Beizmittel erlaubt und in einem anderem Land die gleichen Mitteln verboten sind. In dieser Frage sollte nicht die Politik sondern einzig und allein die vorhandenen Fakten zu einer gesamten EU-Regelung führen. Unser Landwirtschaftsminister war in dieser Frage zwischen zwei Fronten und hat sich aus der gegebenen wirtschaftlichen und datenmäßigen Situation für die weitere Verwendung der Beizmittel ausgesprochen. Gesamtlandwirtschaftlich gesehen habe ich Verständnis dafür, als Imker hat es natürlich weh getan, aber es ist zu akzeptieren.

Die Interessensvertretung der Landwirtschaft fürchtet mit dem Verbot ein „Durchmarschieren“ des Maiswurzelbohrers und verweist darauf, dass die risikomindernden Maßnahmen (Anm.: Halbierung des max. Abriebs auf 0,75g/100.000 K., Windgeschwindigkeit max. 5 m/s, Abdriftmindernde Sätechnik) eine wesentliche Verbesserung erbracht hätten. Ergebnisse des AGES-Projekts MELISSA bestätigen diese Aussage. Zuletzt wurde auch eine verpflichtende Fruchtfolge eingeführt. Wäre es nicht sinnvoll gewesen, die Auswirkungen all dieser Maßnahmen abzuwarten und somit in den Hotspot-Regionen des Maiswurzelbohrers dennoch die Möglichkeit einer Beizmittelbekämpfung zu erhalten?

Josef Ulz
Ich möchte festhalten, dass es nach anfänglichen Zögern seitens der Verantwortlichen ein ehrliches Bemühen gibt, durch verschiedenste risikomindernde Maßnahmen eine Verbesserung der Situation herbeizuführen. Das wir damit scheinbar noch nicht die endgültige Lösung des Problems erreicht haben, liegt darin, dass diese Wirkstoffe in die Pflanze eindringen und meist über Blütenpollen von den Bienen in subletalen Dosen aufgenommen werden. Spätfolgen in der Überwinterung durch eine Lebensverkürzung der Winterbienen scheinen anhand vieler Beobachtungen der Imkerschaft die Folge zu sein. Dieses Phänomen ist strikt von auftretenden Varroaverlusten durch zu späte oder unsachgemäße Behandlungen zu trennen.
Bei Auftreten von neuen Problemen geht es grundsätzlich darum, dass in der Erstphase nicht Schnellschüsse getätigt werden, sondern in einer sachlichen auf gleicher Augenhöhe agierenden Art eine Problemlösung gesucht wird, bei der beide betroffenen Sparten alles daran setzen, um eine zufriedenstellende Lösung zu finden, Dass dies nicht von heute auf morgen geht, sollte allen Verantwortlichen klar sein. Es geht hier um ein ehrliches Bemühen und es dürfen in dieser sensiblen Phase keine Untergriffe, Drohungen etc. wie sie leider in dieser Causa von beiden Seiten vorgekommen sind und noch vorkommen, getätigt werden. Damit löst man keine Probleme, sondern man schafft nur Neue. Als ein positives Beispiel kann hier die Lösung des Feuerbrandproblem erwähnt werden, wo man in vielen z. Teil zeitaufwendigen Sitzungen aller betroffenen Gruppen eine für alle akzeptable Lösung angepeilt hat, wo sowohl der Obstbauer als auch der Imker möglichst schadlos gehalten werden kann.

Der Anbau von GVO-Mais – vor allem in Osteuropa nicht ganz auszuschließen – wird von der Interessensvertretung der Landwirtschaft als mögliche Folge eines Verbots von Neonikotinoiden betrachtet. Warum wird diese Warnung weder von Imkern noch von Opposition ernst genommen?

Josef Ulz
Die Österreicherinnen und Österreicher lehnen bekanntlich anhand von Umfragen mehrheitlich den Einsatz von GVO in unserem Land ab. Wenn man in der jetzigen angespannten Zeit mit solchen Alternativen droht, dann tut man der Landwirtschaft und natürlich auch der Imkerei keinen gut Dienst. Der Landwirt kommt dadurch unweigerlich in der Öffentlichkeit in Misskredit und die Imkerschaft kommt durch die mögliche Aufnahme von GVO belasteten Pollen unverschuldet in Schwierigkeiten. Man darf das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Es geht darum, langfristige Lösungen anzupeilen, nicht zuletzt deshalb, weil bekannt ist, dass trotz Beizung der Maiswurzelbohrer sich kontinuierlich ausbreitet und in Befall eher zunimmt. Langfristig gesehen wird uns die Beizung das Problem nicht lösen können. Intellegende Alternativen müssen erarbeitet werden. Wer hätte vor dreißig Jahren gedacht, dass die Bioproduktion einmal so stark von der Konsumentenschaft gefordert werden. Die Maximierung des Ertrages ist langfristig gesehen meist nicht Nachhaltig. Hier muss ein Umdenken stattfinden, wobei Bienen in der Vergangenheit oft Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft indirekt aufgezeigt haben. Der Landwirt muss in dieser Entwicklung und Umstellung eine besondere Förderung erhalten, damit es zu keiner wesentlichen Reduktion der Betriebe führt.

In wieweit haben Parasiten und Krankheiten Einfluss auf das Bienensterben?

Josef Ulz
Die Varroamilbe hat in den letzten Jahren an Gefährlichkeit zugenommen. Dies begründet sich dadurch, dass wir in der Bekämpfung letztlich eine negative Selektion durchführen in dem besonders widerstandsfähige Varroamilben übrig bleiben, da wir nur eine Reduktion und keine Ausrottung der Milben in den Behandlungsmaßnahmen erreichen. Dies erfordert seitens der Imkerschaft sehr viel Fachkompetenz und Konsequenz in der Umsetzung von geeigneten Bekämpfungsmaßnahmen. Die Rolle der auftretenden Viren bei Bienenvölkern sind durch die Komplexität der Untersuchung und ihrer möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit der Bienen noch nicht ausreichend erforscht. Faktum ist, dass man mehrere Virenarten schon seit langem bei manchen Bienenvölkern nachweisen kann. Die ganzheitliche Betrachtung des Bienenvolkes und deren tägliche Einflüsse innerhalb und außerhalb des Bienenvolkes bestimmen den Gesundheitszustand des Bienenvolkes. Hier scheint etwas aus den Fugen geraten zu sein, deren Ursache wir noch nicht im Detail erklären können. Bienen sind Gradmesser für eine intakte Umwelt und reagieren auf negative Veränderungen durch Entwicklungsstörungen. Die Summe der Einflüsse, Varroamilben und deren notwendige Bekämpfungsmaßnahmen, Vorhandensein von Viren, Einsatz von Pestiziden und Insektiziden, bis hin zu großfächigen bienenfeindlichen Monokulturen dürften u.a. die Ursache für das derzeitige verstärkte Auftreten von Bienensterben sein. Die Imkerschaft war noch nie so gut ausgebildet wie heute, aber es war rückblickend auch noch nie so schwierig zu imkern, als die heute der Fall ist.

Aktualisiert am: 08.05.2013 07:43
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