Schweizer Milchmarkt - neue Ära nach Quotenabschaffung

Anfang Mai endete in der Schweiz nach 32 Jahren die Ära der staatlichen Mengensteuerung im Milchbereich. Der Start in einen Markt ohne ein solches Mengengerüst, der von vielen Milchbauern ängstlich erwartet wurde, ist bisher glimpflich abgelaufen. Die Bauern setzen auf Mengensegmentierung.
Die schweizer Milchproduzenten setzen auf Milchsegmentierung und Milchfettstützung.
Die schweizer Milchproduzenten setzen auf Milchsegmentierung und Milchfettstützung.
"Es gibt sicher kein Chaos", sagte der Direktor der Schweizer Milchproduzenten (SMP), Albert Rösti, zum Landwirtschaftlichen Informationsdienst (LID). Die Milchbauern setzen jetzt auf vier Instrumente, um ohne Kontingentierung auf dem Markt bestehen zu können: Mengensegmentierung, Marktintervention, Angebotsbündelung und eine schlagkräftige Branchenorganisation.

Grenzschutz für „weiße Linie“ bleibt bestehen
Auch nach dem 01.05.2009 gewährt die Schweizer Politik einen bestimmten Schutz im Außenhandel, der Grenzschutz für Molkereiprodukte der so genannten "weißen Linie" bleibt bestehen. Bei der "gelben Palette" (Käse) bleiben die Verkäsungs- und Siloverzichtszulagen erhalten. Beim Export von verarbeiteten Nahrungsmitteln gibt es weiterhin eine Rohstoffvergünstigung im Rahmen des so genannten "Schoggigesetzes". Rund 3 Mio. t Milch oder gut 90% der bisherigen Lieferrechte befinden sich im Einflussbereich dieser Instrumente. Sie bieten eine gewisse Stabilität, damit ein Preisniveau erzielt werden kann, das über dem der EU liegt. Dieser Mehrwert kann jedoch nur abgeschöpft werden, wenn sich die Milchproduzenten als Marktteilnehmer koordiniert verhalten.

Neuheiten für die Bauern
Neu ist für die eidgenössischen Milchbauern seit dem 01.05., dass sie kein Milchlieferrecht mehr haben, sondern dass sie für ihre Milch einen Abnahmevertrag für mindestens ein Jahr brauchen, der eine Vereinbarung über den Preis und die Menge enthält. Der größte Teil der Milchbauern ist in den letzten drei Jahren bereits ausgestiegen, rund ein Fünftel befand sich zuletzt noch in der Kontingentierung. Ein Teil davon wird mit der Milchproduktion aufhören, wer noch aussteigt, bindet sich meist vertraglich an die Handelsorganisation, an die schon bisher geliefert wurde.
Am hitzigsten gekämpft wurde laut LID in den vergangenen Monaten um Instrumente, mit denen die Milchmenge auch ohne staatliche Regelung an die Nachfrage angepasst werden kann, denn die Milchüberschüsse führten unweigerlich zu sinkenden Preisen und geringeren Einkommen für die Bauern. Ein ursprünglicher Plan der SMP, die Menge mit einem so genannten Milchpool zu regeln, der 80% der Molkereimilch aus einer Hand verkaufen sollte, scheiterte am massiven Widerstand der Verarbeiter und derjenigen Milchbauern, die sich mit Direktlieferverträgen enger an die Verarbeiter gebunden hatten.

Anlieferung um 5% höher als Nachfrage - Milchpulverexport
In den vergangenen Monaten überstieg die von den Bauern angelieferte Milch die Nachfrage um rund 5%. Die Schweizer Milchproduzenten und die großen Verarbeiter haben sich deshalb darauf geeinigt, dass von April bis Juni 5% der gelieferten Milchmenge zu Vollmilchpulver verarbeitet und exportiert werden soll. Damit sie ohne Stützungen exportiert werden kann, bezahlen die Verarbeiter den Bauern für diese Milch nur den Weltmarktpreis von 23 Rappen (rund 15 Cent) pro Kilogramm - ein Preis, der die Produktionskosten nicht deckt und der als Signal zur Lieferbeschränkung aufgefasst werden kann.

Segmentierung, Milchfettstützung,
Um Angebot und Nachfrage am Milchmarkt in Zukunft auch ohne Quoten möglichst gut aufeinander abzustimmen, setzt man vor allem auf eine Segmentierung der Milchmenge, sie wird von den meisten großen Produzentenorganisationen bereits umgesetzt. Das bedeutet, dass unterschieden wird zwischen einer so genannten Linienmilch, die zu Normalpreisen verkauft werden kann, und der Überschussmilch, die künftig möglicherweise über eine Börse zu den am Markt erzielbaren Preisen verkauft wird. Einige große Produzentenorganisationen haben laut LID sogar beschlossen, gar keine Mehrmengen zu verteilen, sondern per 01.05. nur eine Milchmenge unter Vertrag nehmen, die den Kontingenten und Lieferrechten des Milchjahres 2008/09 plus den Zusatzkontingenten entspricht. Auch wenn die Milchbauern von einer wirkungsvollen Bündelung der Molkereimilch noch weit entfernt sind, haben sich die meisten der großen Milchhandelsorganisationen in den vergangenen Wochen für eine Segmentierung entschieden.
Mit diesen beiden Mengen (Linienmilch und Überschussmilch) soll bei normaler Marktlage die gesamte Nachfrage abgedeckt werden. Damit die Milchbauern die Marktlage erkennen und darauf reagieren können, befürwortet die SMP Milchpreissysteme, welche die Teilung in diese beiden Kategorien auf jeden einzelnen Produzenten übertragen.
Neben der Marktsegmentierung setzen die eidgenössischen Milchproduzenten auf das Instrument der Milchfettstützung: Je kg in Verkehr gebrachter Milch zahlen die Bauern 1 Rappen in den so genannten Milchstützungsfonds ein, der auf die zeitlich begrenzte Intervention für Milchfett ausgerichtet ist. Zum Abräumen des saisonal bedingten Überangebots an Milch wird im Frühjahr jeweils mehr Milch zu Butter und Magermilchpulver verarbeitet, als kurzfristig nachgefragt wird. Ab Jahresmitte, wenn die Milchanlieferungen rückläufig sind, werden diese Lager wieder aufgelöst.
In den ersten Monaten des Jahres steigen die Butterlager normalerweise kontinuierlich an. Sobald die Butterlager die Interventionsschwelle übersteigen, setzen die Maßnahmen zur Absatzförderung von Milchfett ein. Bewährt haben sich in den vergangenen Jahren dabei die Verbilligung von Butter für die Verarbeitungsindustrie und von Rahm für die Speiseeisherstellung. Diese Interventionsschritte werden aus dem Stützungsfonds der Milchproduzenten finanziert.

Organisationsgrad der Produzenten bestimmt entscheidend mit
"Die nötigen Instrumente für eine zielgerechte Steuerung des Milchmarktes liegen jetzt vor", betont SMP-Direktor Rösti. "Die von uns vorgeschlagenen Lösungen mit Segmentierung, Fettstützung und Angebotsbündelung sind tragfähig. Sie müssen nun innerhalb der neu zu gründenden Branchenorganisation Milch mit den Verarbeitern abgestimmt und angewandt werden", unterstreicht SMP-Präsident Peter Gfeller. Der Organisationsgrad der Produzenten bestimme entscheidend mit, wie viel Wertschöpfung und damit Einkommen für die Bauern künftig aus dem Milchverkauf erzielt werden kann. (AIZ)


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Aktualisiert am: 12.05.2009 11:30
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