Schweiz: Druck auf Erzeugermilchpreis nimmt weiter zu

Die Lage auf dem Schweizer Milchmarkt ist nach Ansicht von Experten "desaströs". Die Molkereibranche hat zwar beschlossen, Butter- und Milchpulverüberschüsse vom Markt zu räumen. Das Westschweizer Unternehmen Cremo traut jedoch der schwachen Branchenorganisation den Vollzug nicht zu und beginnt selbst mit dem Abbau der Butterlager - und mit einer deutlichen Erzeugerpreissenkung.
In der Eidgenossenschaft nimmt, durch die anhaltende Überproduktion, der Druck auf die Erzeugerpreise weiter zu.
In der Eidgenossenschaft nimmt, durch die anhaltende Überproduktion, der Druck auf die Erzeugerpreise weiter zu.
Um den Trend zur Eigeninitiative von Unternehmen zu stoppen soll die Milchanlieferung in der Schweiz spürbar reduziert werden. Ein Beschluss wird für kommenden Donnerstag erwartet, teilt der Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) in Bern mit. Noch im Jänner machten die Schweizer Milchbauern - beflügelt von europäischen Entwicklungen - Druck, dass der Richtpreis am Milchmarkt ansteigen müsse. Inzwischen ist klar, dass angesichts der weiterhin gravierenden Milchüberschüsse am eidgenössischen Markt Preiserhöhungen nicht realistisch sind.

Druck vom Markt nimmt zu
Zwei Firmen läuten möglicherweise eine neue Preissenkungsrunde ein: Cremo sitzt als größter Butterproduzent auf einem Lager von rund 4.000 t, die in diesem Jahr verkauft werden müssen und senkt den Erzeugerpreis rückwirkend per Anfang April um 5 Rappen. Der Milchpulverhersteller Hochdorf beklagt den Preisdruck von den Abnehmern, zum Beispiel von der Schokoladenindustrie und soll mit seinen Lieferanten bereits über eine Preissenkung verhandeln. Für Milchpulver in Schokolade, die exportiert wird, bezahlt der Bund im Rahmen des sogenannten "Schoggigesetzes" Stützungen, allerdings reicht in diesem Jahr das Geld nicht.

Preissenkung von 5 Rappen
Cremo will jedenfalls für jene Milchmengen, die sie unter Vertrag genommen hat, eine Preis-Differenzierung nach Inland- und Auslandsmarkt einführen. Für 83% dieser Menge wird laut LID der bisherige Milchpreis gelten, für 17% will das Unternehmen nur noch einen Weltmarktpreis von rund 30 Rappen (20 Cent) pro Kilogramm bezahlen. Über die gesamte Vertragsmenge gerechnet, ergibt das eine Preissenkung von 5 Rappen (3 Cent) pro Kilogramm. Angesichts der Butterüberschüsse müsse man sofort handeln, sagt Cremo-Generalsekretär Michel Pellaux; die Verhandlungen mit den Milchbauern seien kurz vor dem Abschluss. Die überschüssige Butter will Cremo exportieren. „Wir haben zu wenig Vertrauen in die Maßnahmen der Branchenorganisation Milch", argumentiert Pellaux. Mit den Maßnahmen meint er eine Abräumungsaktion, die in der BO Milch Mitte März beschlossen wurde. Bis Juni müssen 62 Mio. kg Milch als Butter und Milchpulver vom Markt genommen und exportiert werden. Zwar hatte die BO schon Mitte Februar beschlossen, dass die Vertragsmengen um diesen Betrag gekürzt werden müssen, passiert ist dann aber nichts.

Schwache Branchenorganisation
Das Problem der BO-Geschäftsstelle: Sie muss wissen, welche Händler wie viel Milch verkaufen und die beschlossenen Mengenkürzungen auf alle Beteiligten verteilen. Das scheitert in der Praxis. Die BO Milch, die seit dem Ende der Kontingentierung im Mai 09 die Aufgabe hat, den Milchmarkt durch gemeinsame Regeln aller Akteure im Lot zu halten, hat es bisher nicht geschafft, der deutlichen Überproduktion Herr zu werden. Wie schwach die BO Milch als übergeordnete Instanz ist, zeigen zwei Tatsachen: Erstens ist der Milchpreisindex, der seit Herbst auf einem Niveau von 62 Rappen liegt, im Moment ohne Wirkung. Die tatsächlich ausbezahlten Preise liegen zum Teil noch bei 50 Rappen, stellt Christoph Grosjean-Sommer, Sprecher der Schweizer Milchproduzenten (SMP), fest. Zweitens ist die Milchbörse, über die eigentlich überschüssige Mengen zu tieferen Preisen gehandelt werden müssten, bisher praktisch verwaist.

Kein Zwang, sondern Eigenverantwortung
Jacques Gygax, Geschäftsführer des Käserverbandes Fromarte und Vorstandsmitglied in der BO Milch, glaubt deshalb, dass das Prinzip Zwang in der Branchenorganisation an seine Grenzen stößt. Wenn die bisherigen Vorstandsbeschlüsse gar nicht umsetzbar seien, dann müsse eben jeder Akteur am Markt in seiner Eigenverantwortung handeln - so wie es jetzt die Cremo tue. Anders sieht es Gerber. Er findet, man dürfe von der BO Milch noch nicht zu viel erwarten. Die lang geforderte Transparenz sei nun gewährleistet, die erforderlichen Daten lägen auf der Produzenten- wie auf der Verarbeiterseite vor. Die BO Milch werde künftig auch zu Sanktionen greifen, da sei man bisher zurückhaltend gewesen. (AIZ)

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Aktualisiert am: 22.04.2010 22:33
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