Schweine: Kannibalismus – woran liegt es?

Kannibalismus ist ein weit verbreitetes Problem in der Ferkelaufzucht und Schweinemast. Auslöser können unausgewogene Futterrationen, ungünstige klimatische Haltungsbedingungen oder ein hoher Keimdruck sein.
Oft gehen die Probleme mit Schwanz- und Ohrenbeißen (Kannibalismus) von einzelnen Tieren in einer Bucht aus, wobei soziale Rangkämpfe der Auslöser sein kann. Wichtig ist, das „Problemtier“ schnell ausfindig zu machen und sofort aus der Gruppe zu nehmen. Kennzeichnend für diese „Störenfriede“ ist die Gier nach Blut bei Auftreten von Kannibalismus, welches den Schweinen angenehm salzig schmeckt.

Ohrenbeißen im Ferkelstall

Durch den Juckreiz bei der Wundheilung lassen sich die Schweine beknabbern
Durch den Juckreiz bei der Wundheilung lassen sich die Schweine beknabbern
Das typische Ohrenbeißen im Ferkelaufzuchtstall ist in engem Zusammenhang mit Stressbelastungen zu sehen. Die Körperhormone Adrenalin und Cortisol werden bei Stress vermehrt ausgeschüttet und führen zu einer verminderten Durchblutung. Aufgrund der „Durchblutungsstörung“ heilen Verletzungen schlechter ab und durch den Juckreiz der bei der Abheilung der Wunden entsteht, halten betroffene Tiere beim Beknabbern durch Buchtengenossen still.

  • Falsch eingestellte Lüftungsventilatoren (zu häufiger oder zu seltener Luftaustausch),
  • Luftgeschwindigkeiten von über 0,2 m/Sekunde im Tierbereich können Aggressivität erhöhen,
  • Haltungsbedingungen suboptimal,
  • Beschäftigungsmaterial (Kaumaterial) fehlt,
  • Futtermenge knapp bemessen,
  • Probleme mit Fütterungs-/Tränketechnik (Wasserversorgung, Fress-/Tierplatzverhältnis),
  • frühzeitig abgesetzte Ferkel (Ersatzhandlung für Saugreflex),
  • zu nahe am Ohrrand eingezogene Ohrmarken,
  • zu hohe Schadgaskonzentration,
  • mycotoxinbelastetes Futter,
  • Mangelzustände (Eisenmangel wird besonders diskutiert),
  • Hautentzündungen oder
  • Hautreizungen durch Räudemilben können weitere Ursachen für Kannibalismus im Ferkel- oder Maststall sein


Fütterungsbedingte Fehler ausschließen

Infektionen können sich rasch in Richtung Wirbelsäule ausbreiten und Abzesse verursachen
Infektionen können sich rasch in Richtung Wirbelsäule ausbreiten und Abzesse verursachen
In letzter Zeit werden vermehrt unausgewogene Futterrationen mit Kannibalismus in Zusammenhang gebracht. In der Ferkelfütterung wurde beispielsweise aufgrund der teuren Futterrationen in den letzten Jahren nicht immer altergerechte Rationen eingesetzt. Durch die eingesetzten Futterkomponenten dürfen keine Mangelsituationen (Protein, Vitamine, Mineralstoffe) oder Verdaulichkeits- bzw. Akzeptanzprobleme auftreten.

Management kritisch überprüfen

Das Einstallen der Mastferkel sollte möglichst am Abend erfolgen, da Schweine vormittags deutlich aktiver sind. Verstärkt beobachtet man Kannibalismus im Frühjahr und im Herbst, also in den Monaten mit den größten Witterungsschwankungen. Zu hohe Besatzdichten können zu ständiger Stressbelastung führen und Panikzustände auslösen. Bei getrenntgeschlechtlicher Aufstallung ist zu beachten, dass Schwanzbeißen in rein männlichen Gruppen doppelt so häufig vorkommt als in weiblichen Gruppen, so dass eine gemischtgeschlechtliche Aufstallung von Vorteil sein kann. Geeignetes Beschäftigungs- und Kaumaterial kann für Ablenkung sorgen und Schwanzbeißen vorbeugen. Sämtliche Verletzungsgefahr durch die Aufstallung bzw. den Stallboden muss entschärft werden, damit
Ohrrand-Nekrosen sind oft Wegbereiter für Ohrenbeißen
Ohrrand-Nekrosen sind oft Wegbereiter für Ohrenbeißen
keine blutenden Wunden entstehen und der Teufelskreis „Blutgier“ in Gang gesetzt wird. Auch die Großgruppenhaltung könnte für das „Kannibalismusproblem“ von Bedeutung sein und einige Schweinehalter sind bereits übergegangen, die Großgruppen wieder in kleinere Einheiten zu unterteilen. Andere Schweinemaster sehen wiederum „elektrostatische Aufladung“ des gereinigten Stalles als Ursache für Kannibalismus und berichten von guten Erfahrungen mit Aussprühen von Detergenzien („Prilwasser“).

Tiere rechtzeitig behandeln

Neben vorbeugenden Maßnahmen kommt es auf die schnelle Behandlung von verletzten Tieren an. Hier helfen Abdecksprays auf Zink- bzw. antibiotischer Basis bei Hautwunden. Größeren Wunden müssen antibiotisch behandelt werden um eine Keimvermehrung zu unterbinden.

Kannibalismus mit Dokumentation und Beratung in den Griff bekommen

Die Gründe für Schwanz- und Ohrenbeißen sind vielfältig. Man kann keine Pauschalempfehlung für jeden Schweinehalter geben. Bei der Ursachensuche sollten alle möglichen Faktoren vom Schweinehalter genau notiert werden und rechtzeitig ein Experte z.B. für Fütterung, Lüftung, Tiergesundheit oder Stallbau kontaktiert werden.

(Quelle: Blut am Schweinerüssel, Dr. Dieter Mischok, SUS 4/2009, S. 28-31)


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Aktualisiert am: 31.08.2009 14:01
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