Schlachthof: Abzesse kosten Kilos

Jeder Mäster hat es sicher schon erlebt: Einzelne gut entwickelte Mastscheine erleiden am Schlachthof einen „plötzlichen und unerwarteten“ Gewichtsverlust oder sie werden ganz als „untauglich“ beurteilt.
Auf Anfrage erhält dann der Mäster die Auskunft, dass eine ganze Keule wegen eines Abszesses oder das ganze Schwein wegen mehrerer (multipler) Abszesse „in die Tonne“ ging.

Unentdeckt

Wenn diese Abszesse nicht deutlich z.B. an den Beinen zu erkennen sind, liegen diese Abszesse von außen unerkennbar im Schwein. Typische Lokalisationen sind hier die Schwanzbasis, das Becken und die Wirbelsäule. Gelegentlich findet sich bei der Fleischuntersuchung auch ein Abszess im Unterkiefer.

Eintrittspforten für Erreger

Oft genügen schon kleine Verletzungen, um Eitererreger in den Körper eindringen zu lassen, die dann Abszesse hervorrufen. Geradezu klassisch sind Abszesse nach schmuddeliger Kastration. Mäster sollten deshalb bei Ferkeln mit Schwellungen und Verhärtungen im Bereich der ehemaligen Kastrationswunden hellhörig werden und ein offenes Wort mit dem Ferkellieferanten sprechen. Verdickungen im Nabelbereich können auf eine aufsteigende Entzündung des Nabels mit einer Streuung von Eitererregern hinweisen. Weiterhin bieten Scheuerstellen über den Gelenken, die auch durch längeres Liegen von kranken Schweinen entstehen können, Bakterien einen Weg in den Körper. Ähnliches gilt für Verletzungen durch schadhafte und schlecht verlegte Spaltenböden.

Kannibalismus

Eine der häufigsten Eintrittspforten für Bakterien und Ausgangspunkt für Abszesse im Schwein ist der Schwanzkannibalismus. Gelegentlich treten auch Streptokokkenabszesse der Halslymphknoten auf. Am Schlachtband wird dann zum Teil der ganze Kopf entfernt. Häufig wird vergessen, dass Abszesse insbesondere der Brustwirbelsäule auch nach eitrigen Lungenentzündungen wie die „Actinobacillus – Pleuropneumonie“ entstehen können. Hier spielen eine Vielzahl von Bakterien wie Streptokokken, Staphylokokken, Pasteurellen und „Actinomyces pyogenes“ eine Rolle, die ihren Ursprung auch im Keimspektrum der Lungenentzündungen haben.

Großzügige Schnittführung

Um die Hygienerisiken durch das Anschneiden von Abszessen und Entzündungen möglichst zu vermeiden, werden am Schlachthof veränderte Teile großzügig „im Gesunden“ abgetrennt. Zudem bestimmt oft die Anatomie die Schnittführung. Beine werden gewöhnlich mit einem Schnitt durch das nächste Gelenk abgetrennt. So entstehen hier unvermeidlich Verluste von 7 – 10 Kilo Schlachtgewicht, obwohl der veränderte Bereich deutlich kleiner ist. Bei einem Abszess im Becken geht ein ganzes Hinterviertel mit 25 kg „in die Tonne“.

Blutergüsse und Knochenbrüche

Ähnlich wie Abszesse und Entzündungen werden auch Blutergüsse und Knochenbrüche am Schlachthof als untauglich beurteilt. Typisch sind Blutergüsse im Becken, wie sie nach Rangeleien und heftigem Treiben entstehen können. Hier ist ein qualifizierter Umgang mit den Tieren während Zutrieb und Transport entscheidend.

Routinefalle

Neben der Eiseninjektion gehört die Kastration zu einer der häufigsten Routinemaßnahmen im Sauenstall. Nüchtern betrachtet werden den Ferkeln zwei Wunden zugefügt, die als Eintrittspforte für Bakterien fungieren können. Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 20 Millionen männlicher Ferkel diesem Eingriff unterzogen. Gleichzeitig verführen Routinemaßnahmen zur Nachlässigkeit, da man „das ja im Schlaf kann“.

Zur Erinnerung: Zur Kastration zwischen den einzelnen Ferkeln das Skalpell immer in eine Desinfektionslösung tauchen. Das Skalpell öfter wechseln, denn nur scharfe Schnitte verkleben und heilen auch wieder gut ab. Zudem vermeidet man die Übertragung von Krankheitserregern von Wurf zu Wurf. Treten nach der Kastration Entzündungen auf, so sind diese über wenigsters drei Tage zu behandeln. Wegen der häufigen Beteiligung von Streptokokken sind Antibiotika wie Amoxicillin oder Cephalosporinen (Cobactan) angezeigt. Die Wirkstoffe durchdringen Gelenke und die Blut-Hirn-Schranke. Dies ist sehr wichtig, da sich Streptokokken gern im Gehirn ansiedeln und auf der anderen Seite manche Antibiotika dort nicht ankommen. Dies gilt auch für Wirkstoffe, die im Resistenztest als „wirksam“ bewertet wurden.

Ähnliches gilt für Ferkelruss. Auch wenn es sich zunächst um eine nässende Hautentzündung durch Staphylokokken und Streptokokken handelt, können diese Keime den Körper überschwemmen und sich in verschiedenen Regionen absiedeln.

Unbehandelbar

Abszesse sind faktisch nicht zu behandeln, da sie zum einen nicht erkannt werden und es sich um gravierende Gewebsveränderungen handelt. Im Bereich der Wirbelsäule ist die Knochensubstanz verdickt und aufgetrieben. In der Praxis bleibt deshalb nur Vorsorge. Dies beginnt mit einer sauberen Kastration der Ferkel. In soweit wird hier der Diskussion um eine schmerzfreie Saugferkelkastration ein neuer Aspekt hinzugefügt.

Kannibalismus: Spray unzureichend

Tritt in einem Bestand Schwanzkannibalismus auf, so ist dies immer Grund für „Alarmstufe Rot“. Von einem entzündeten Schwanz kann sich die Infektion rasch in Richtung Wirbelsäule ausbreiten und dann dort Abszesse absiedeln. Bedrohliche Symptome sind eine deutliche Verdickung des Schwanzes an der Basis oder eine Gangunsicherheit in der Hinterhand. Letztgenanntes Symptom deutet darauf hin, dass bereits die Nerven betroffen sind, die die Hinterhand versorgen.

Somit ist eine alleinige Behandlung mit einem Spray unzureichend. Zudem decken die handelsüblichen „Chlortetracyclin – Sprays“ das umfangreiche Keimspektrum nicht ab. Hier müssen über mehrere Tage antibiotisch wirkende Injektionspräparate eingesetzt werden, die sich im Gewebe anreichern und das Keimspektrum inklusive Streptokokken abdecken. Da oft große Mastschweine betroffen sind, müssen Präparate mit sehr guter Resistenzlage vor allem bei Staphylokokken und Streptokokken und kurzer Wartezeit eingesetzt werden. Jeder Therapieversager kann Abszesse begünstigen, die dann bei der Schlachtung gemaßregelt werden. Lange Wartezeiten behindern die termingerechte Vermarktung.

Fazit für die Praxis

Abszesse sind nicht behandelbar. Nur gute und hygienische Haltungsbedingungen, eine sorgfältige Kastration und eine konsequente Behandlung von Infektionen in Sauen – und Maststall über mehrere Tage können die Häufigkeit von Abszessen am Schlachtband vermindern. (Quelle: animalhealth online.de, Quelle: Fotos animalhealth online.de; Delbeck)


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Aktualisiert am: 06.02.2010 16:45
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