Milchstreik–geteilte Ansichten-Fischer Boel geht

Österreichs IG-Milch Bauern haben die Schnauze voll von den niedrigen Erzeugermilchpreisen und schließen sich ihren europäischen Milchbauernkollegen im Milchstreik 2 an, was Österreichs offizielle Agrarpolitiker als Fehler verurteilen. In diese heiße Phase hinein platzt die Meldung vom geplanten Politausstieg von Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel.
Aufgebrachte Bauern demonstrieren auf der A9 bei St. Michael in der Obersteiermark. (Foto IG-Milch)
Aufgebrachte Bauern demonstrieren auf der A9 bei St. Michael in der Obersteiermark. (Foto IG-Milch)
Im Stadtzentrum von Linz oder am Autobahnknoten St. Michael in der Obersteiermark marschierten protestierende Milchbauern auf und streikten. Einige hundert IG-Aktivisten gingen östereichweit auf die Strasse. Es sei ein Streik gegen die verfehlte EU-Agrar- und Milchpolitik und kein Streik gegen die Molkereien oder die Konsumenten, betonte die offizielle IG-Milch. Die mediale Aufmerksamkeit ist der aufgebrachten Bauerngruppe heute wie damals vor einem Jahr sicher.

offizielle Agrarvertreter gegen Streik und Strassendemos

Heute wie letztes Jahr ernten die Milch-Hardliner von Österreichs offiziellen Agrarpolitikern mehr Tadel als Lob. Zwar gestanden Wlodkowsky, Grillitsch und Berlakowitsch ebenso wie zahlreiche andere schwarze Landesagrarpolitiker die miserable Wirtschaftslage bei den Milchbauern ein, doch sei für sie ein Streik der falsche Weg. Das würde nur die Uneinigkeit zwischen den Bauern stärken oder die Molkereien schwächen. Am tatsächlichen Problem niedriger Preise würde sich nichts ändern. Da sei es besser, sich Verbündete zu suchen und in Brüssel weiter Druck auf die Kommission auszuüben. Hartes Verhandeln mit der EU und den Handelsketten bringe mehr, meint etwa LK-Österreich Präsident Gerhard Wlodkowsky. Verständnis und Unterstützung für die streikenden Landwirte kommt allerdings von den Grünen, dem BZÖ und der FPÖ.

Fischer Boel geht

Die Strassensperren und der Milchlieferboykott seien der falsche Weg, meinen die heimischen ÖVP-Agrarpolitiker. Sie möchten statt dessen die EU-Kommission unter Druck setzen. Allerdings oder vielleicht deswegen- Mariann Fischer Boel zieht es vor, die Kommission bald zu verlassen.(Foto IG-Milch)
Die Strassensperren und der Milchlieferboykott seien der falsche Weg, meinen die heimischen ÖVP-Agrarpolitiker. Sie möchten statt dessen die EU-Kommission unter Druck setzen. Allerdings oder vielleicht deswegen- Mariann Fischer Boel zieht es vor, die Kommission bald zu verlassen.(Foto IG-Milch)
Interessant, dass gerade in der Streikphase am Montag eine Meldung über die Agenturen auch nach Österreich drang, dass Mariann Fischer Boel ans Ende ihrer Politkarriere denke, und etwa ab November aus der Kommission ausscheiden werde. Wurde ihr der Druck und das Ausmaß der aktuellen europäischen Milchbauernproteste zuviel? Oder plagt sie das schlechte Gewissen, die jüngste Resolution 16 europäischer EU-Mitgliedsstaaten mit der Forderung nach Einfrieren der Quotenerhöhungen eiskalt abgelehnt zu haben? Immerhin sprechen auch die offiziellen Agrarpolitiker Österreichs davon, dass bei den derzeitigen Preisen die Gefahr bestehe, einige tausend Betriebe zu verlieren. Gerade weil sich die Streik-Verantwortlichen ebenso wie die offiziellen Agrarpolitiker darin einig sind, dass die Kommission mit einer verfehlten Milchmarktpolitik mit Schuld an der Preis –Misere trage, kommt der Rücktrittsmeldung eine besondere Bedeutung zu. Spannend und von großer Bedeutung in diesem Zusammenhang ist die heute noch nicht zu klärende Frage, wer der Dänin als Agrarkommissär nachfolgt.

Grundübel – zuviel Milch

Der Streik und die politischen Diskussionen und Dispute dürfen aber nicht vom Grundproblem ablenken. Es lautet – wir haben derzeit zu viel Milch.
Und so sollten alle Milchbauern in allen EU-Staaten nun darangehen, sich schnell weiter zu organisieren und dann ein Brüssel-taugliches Modell zu erarbeiten, wie man schnell und flexibel auf die Anforderungen des Marktes reagieren kann. Das hinter dem Streik stehende EMB und seine Länderorganisationen hätten solche Vorschläge zur Hand und würden sie einem neuen Agrarkommissär gerne schnellstmöglich unterbreiten. Über die Fähigkeiten bzw. Methoden der gewählten Agrar- und Standesvertreter zu einer raschen Lösung der Misere scheiden sich indes immer mehr Bauerngeistern. Auf den jüngsten Messen aber vor allem draussen auf den Höfen ist immer mehr eine Stimmung bemerkbar, die wohl auch der IG-Milch eine Legitimation für ihren Streik gab, nämlich: Verhandelt und geredet wurde in den letzten Jahren von offizieller Seite genug! Es hat sich dabei nichts für die Milchbauern zum Besseren gewendet. Daher sei nun der Prostest der Milchbauern in Form des Streiks das neuerliche richtige Mittel der Wahl. Der Streikaufruf der IG- Bauern ist vor diesem Hintergrung und aus Solidarität zu den anderen europäischen Kollegen verständlich. Bleibt abzuwarten, wie die Aktion verlaufen und was sie bewirken wird.

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Aktualisiert am: 17.09.2009 16:53
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