Mercosur: Liebe auf den zweiten Blick

Vor 19 Jahren starteten die Verhandlungen zwischen der EU und den Mercosur-Ländern. Nun steht das Handelsabkommen vor dem Abschluss. Für die Bauern könnte es fatale Folgen haben.
EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström bei der WTO-Konferenz dieses Jahr in Argentinien mit den Außenministern der Mercosur- Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay (v.l.). Foto: European Union 2018 / Erika Villano
EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström bei der WTO-Konferenz dieses Jahr in Argentinien mit den Außenministern der Mercosur- Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay (v.l.). Foto: European Union 2018 / Erika Villano
„Der erträumte Moment ist gekommen. Ich hätte nicht mehr geglaubt, ihn erleben zu dürfen.“ Für Fernando Canosa ist das bevorstehende Assoziierungsabkommen mit der EU ein Grund zum Jubel. Der Agronom aus Argentinien sieht immense Absatzchancen für Rindfleisch in Europa. Der Tageszeitung Clarin sagt er: „Es ist der Moment gekommen, auf Fleisch zu setzen.“ Tatsächlich werden Agrarwirtschaft und Lebensmittelsektor in Südamerika als die Gewinner des bevorstehenden Mercosur-Abkommens mit der EU genannt. Die führende Tageszeitung Argentiniens, La Nazion, schreibt: „Die Fleischproduktion ist eine Gewinnerin des Abkommens, obwohl die 100.000 t Freihandelsquote weit entfernt von den erträumten 300.000 t liegen.“

Gefahr für Rinderhalter
Des einen Freud, des anderen Leid. Europas Bauern sehen sich vom Assoziierungsabkommen mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay massiv bedroht. Um bis zu 20 % könnten die Erzeugerpreise für Rindfleisch sinken, befürchtet die ARGE Rind in Österreich, die Dachorganisation der Rinder-Erzeugergemeinschaften. Schon jetzt stammen drei Viertel des in die EU importierten Rindfleischs aus den vier Mercosur-Ländern. Das letzte offiziell vorliegende Angebot der EU datiert vom Dezember 2017. Darin bietet sie dem Mercosur eine Menge von 35.000 t frischem und 35.000 t gefrorenem Rindfleisch an, insgesamt also 70.000 t mit einem Wertzoll von 7,5 %. Mittlerweile dürfte die EU das Angebot auf 100.000 t erhöht haben, eine offizielle Bestätigung der EU-Kommission fehlt noch. Bisher wurden vor allem Edelteile (Steakfleisch) aus Südamerika importiert. Ein Zollfreikontingent von 100.000 t entspreche einem Anteil vom 15 bis 20 Prozent des Edelteilaufkommens in der EU, rechnet die ARGE Rind in ihrem Positionspapier vor. Es sind die Edelteile von 3,5 Mio. Rindern. Das entspricht allen Rinder-Schlachtungen in Deutschland über ein ganzes Jahr.

Landwirtschaft als Wechselgeld
Kein Wunder, dass Europas Agrarpolitik Sturm läuft. Georg Strasser, Präsident des Österreichischen Bauernbunds: „Wir setzen alle Hebel in Bewegung, um den landwirtschaftlichen Teil dieses Abkommens zu verhindern.“ Auch der Deutsche Bauernverband, Frankreichs Agrarverband und der einflussreiche europäische Bauernverband Copa-Cogeca sehen im Mercosur-Abkommen eine große Gefahr für die europäische Landwirtschaft. Sie alle fordern eine Reduktion der Freihandelsquoten für landwirtschaftliche Produkte. Die Landwirtschaft scheint das Wechselgeld eines Deals zu sein, in dem Automobilwirtschaft und Pharmaindustrie als die großen Sieger auf europäischer Seite genannt werden. Für landwirtschaftliche Produkte erwarten Experten keinen Exportschwung. Der Mercosur-Block zeigte bisher keine Bereitschaft, etwa den Markt für Milchprodukte aus der EU zu öffnen.

Den konkreten Stand der Verhandlungen und wie groß die Chancen sind, das Abkommen in der aktuellen Form zu stoppen, lesen Sie in der LANDWIRT Ausgabe 8/2018. Bestellen Sie hier kostenlos und unverbindlich Ihr Probeheft Ausgabe 8/2018 (solange der Vorrat reicht)

Aktualisiert am: 14.04.2018 09:02
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