Leistungsangaben in Prospekten: Was sagen sie aus?

Im Jahr 2003 führten wir erstmals eine umfassende Erhebung zu den von Traktorherstellern angegebenen Motorleistungen bzw. Leistungsnormen durch. Einige Hersteller versprachen damals für die Zukunft die Angaben übersichtlicher, transparenter, ehrlicher und vor allem einheitlicher anzugeben. Unsere heutige Erhebung zeigt, dass der Wirrwarr noch schlimmer geworden ist.
Messung der Zapfwellenleistung nach OECD-Norm auf dem Motorenprüfstand der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon ART.
Messung der Zapfwellenleistung nach OECD-Norm auf dem Motorenprüfstand der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon ART.
In Prospekten für Traktoren finden sich oft mehrere Leistungsangaben. Doch was bedeuten Begriffe wie Nennleistung, Power-Boost, EG/97/68 und dergleichen?
Unterschiedliche Messnormen, Messungen bei unterschiedlichen Drehzahlen und bei verschiedenen Motoreinstellungen haben einen direkten Einfluss auf die Leistung. So zieht z.B. ein Lüfter für die Kühlung mehrere Kilowatt Leistung vom Motor ab. Darf der Lüfter für die Messung demontiert werden, gibt der Motor die Leistung nicht an den Lüfter, sondern an die Leistungsbremse ab. Entsprechend höher ist die gemessene Leistung. So kann es durchaus vorkommen, dass die Leistung eines Motors auf dem Papier plötzlich steigt, obwohl am Motor selbst nichts geändert wurde. Der einzige Unterschied besteht darin, dass eine andere Norm bei der Messung angewendet wurde.

Messnormen
Für die Bestimmung der Leistung werden das Drehmoment und die Drehzahl der Motoren mittels Leistungsbremsen gemessen. Die Leistung wird als Produkt von Drehzahl und Drehmoment berechnet. Für diese Messungen existieren verschiedenste Normen, die das Vorgehen bei der Messung definieren. Grundsätzlich unterscheidet man bei Leistungsmessungen von Traktoren zwischen der Motorenleistung und der Zapfwellenleistung.

Motorleistung
Bei der Motorleistung wird der ausgebaute Motor gemessen. Hierfür kommt der Motor auf einen Motorenprüfstand. Für diese Art der Messung existieren verschiedene Normvorgaben. Bei der Amerikanischen Norm SAE J1995 wird der Motor ohne Nebenaggregate gemessen. Der Motor läuft also ohne Kühler, Lüfter, Schalldämpfer und Luftfilter. Entsprechend hoch ist die abgegebene Leistung, da die Nebenaggregate keine Leistung verbrauchen. Leistungsangaben nach dieser Norm findet man selten bei europäischen, vereinzelt jedoch bei amerikanischen Maschinen. Bei der Messung der Motorleistung nach der internationalen Norm ISO TR14396 werden Kühler und Lüfter des Motors weggelassen. Damit der Motor nicht überhitzt, erfolgt die Kühlung durch ein externes Kühlsystem des Prüfstandes. Dieser Norm entsprechende Leistungsangaben sind häufig bei Traktoren zu finden. Bei der neuerdings auch anzutreffenden Norm ECE-R120 handelt es sich um eine andere Bezeichnung der ISO TR14396. Die Vorgaben für die Messung sind dieselben. Im Zusammenhang mit Abgasvorschriften für Off-Road-Motoren entstand die EU-Richtlinie 97/68/EG und die entsprechenden Folgerichtlinien 2000/25/EG, 2004/26/EG und 2005/13/EG. Bei der englischen Bezeichnung dieser Messnorm ist EG durch EC ersetzt, so dass beispielsweise folgende Normbezeichnung entsteht: 2000/25/EC. Messungen gemäß dieser Messnorm haben aufgrund der Abgasmessungen deutlich zugenommen. Die bei Nenndrehzahl nach dieser Norm gemessene Leistung ist maßgebend für die Zulassung. Der Lüfter wird bei der Messung nicht berücksichtigt. Die Messnorm EWG 80/1269 schließt den Lüfter mit ein. Leistungsangaben basierend auf dieser Norm sind nur noch vereinzelt in Prospekten zu finden. Bei der Norm ECE-R24 wird der Lüfter berücksichtigt. Bei Viscolüftern darf die Kupplung allerdings maximalen Schlupf aufweisen, dadurch dreht der Lüfter nur langsam und nimmt weniger Leistung weg. Diese Messnorm wird häufig in Prospekten angegeben.
Die alte deutsche Norm DIN 70020 berücksichtigt alle Nebenaggregate des Motors, inklusive voll mitdrehendem Lüfter.

Zapfwellenleistung
Bei den vorgenannten Normen oder Richtlinien handelte es sich um Vorgaben für die Messung der Leistung am ausgebauten Motor. Bei einem Traktor stellt sich aber die Frage, wie viel er an der Zapfwelle leistet. Die Messung der Zapfwellenleistung ist im OECD Code 2 geregelt. OECD steht dabei für „Organisation for Economic Cooperation and Development“ oder auf Deutsch für „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. Gemäß dieser Norm wird die Leistung an der Zapfwelle gemessen. Für die Prüfung steht also ein kompletter Traktor auf dem Prüfstand. Nebenaggregate des Traktors, wie Hydraulikpumpen, und das Getriebe sind eingeschlossen. Die Zapfwellenleistung kann von einer qualifizierten Fachwerkstatt nachgemessen werden, falls Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Traktors bestehen.

Eine exakte Umrechnung der Leistungen zwischen den verschiedenen Messnormen ist schwierig, es existieren lediglich Richtwerte.

Autor: Marco LANDIS, Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon ART (CH)


Aktualisiert am: 04.02.2010 14:05
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