Größe ist in der Landwirtschaft kein Erfolgsgarant

Die aus betrieblichem Wachstum resultierenden Potenziale müssen erst erschlossen werden- Größe allein führt nicht zum Erfolg. Darauf wurde in der diesjährigen Jahrestagung der Jungen DLG hingewiesen.
Vergangenes Wochenende fand die Jahrestagung der Jungen DLG statt.
Vergangenes Wochenende fand die Jahrestagung der Jungen DLG statt.
Die diesjährige Jahrestagung der Jungen DLG (Deutsche Landwirtschafts- Gesellschaft) fand vergangenes Wochenende in Bernburg statt. Um die sich auch in Krisenzeiten ergebenden Marktchancen zu nutzen, seien gute unternehmerische Konzepte notwendig, betonte der Vorsitzende der Jungen DLG, Henning Pfeiffer, der im niedersächsischen Clenze einen Ackerbaubetrieb leitet und diesen durch Erschließung neuer Geschäftsfelder erfolgreich weiterentwickelt hat.

Ausbildung und mehrere Standbeine wichtiger denn je
Volatile Bezugs- und Absatzmärkte erforderten ein funktionierendes Risikomanagement, zunehmende Witterungsrisiken eine Anpassung der Produktionstechnik. Um sich schnell auf neue Marktlagen einstellen zu können, müssten Landwirte fachlich immer auf dem neuesten Stand sein, wozu eine fundierte Ausbildung wichtiger denn je sei. DLG-Vorstandsmitglied René Döbelt aus Nemt in Sachsen verriet seinen jungen Berufskollegen, mit welchen Strategien er die aktuelle Misere am Milchmarkt meistert. Sein Unternehmen stehe auf vier Säulen, so dass niedrige Milchpreise zumindest teilweise durch Gewinne aus anderen Betriebsteilen kompensiert werden könnten, erläuterte Döbelt. Erträge lieferten nicht nur die Milch, sondern auch der ökologische Marktfrucht- und Gemüsebau, die Direktvermarktung und die Biogasanlage, so dass sich ein innerbetrieblicher Risikoausgleich übers Jahr ergebe. Milchauszahlungspreise um die 20 Cent pro Kilogramm hätten es zusätzlich notwendig gemacht, die spezielle Intensität anzupassen. Einerseits spare der Übergang vom drei- zum zweimaligen Melken Arbeitskräfte. Es werde weniger Milch produziert, was den Einsatz günstiger Futterkomponenten erlaube. Gerade in Krisenzeiten sei es zudem notwendig, auf die Bonität seiner Abnehmer zu achten, so Döbelt: „Was nutzt mir ein Euro mehr für die Tonne Getreide, wenn ich am Ende mein Geld gar nicht bekomme?“ Zudem müsse die betriebliche Investitionsplanung laufend auf den Prüfstand gestellt und gegebenenfalls korrigiert werden. Schwierig werde es für Betriebe, die in der Krise Geld benötigten. „Sprechen Sie mit Ihrer Bank in guten Zeiten“, so der Rat von Döbelt an seine jungen Berufskollegen.

„Kritische Größe“ anstreben
Für René Döbelt ist Marktwirtschaft gleichbedeutend mit Nischenwirtschaft. Für ihn sei es wichtig, in jedem Betriebszweig so gut zu sein, dass Wettbewerber ihn nicht herausdrängen könnten. Ob dies über Qualitäts- oder Kostenführerschaft gelinge, sei letztlich zweitrangig. Döbelt geht davon aus, dass ein landwirtschaftliches Unternehmen heute eine „kritische Größe“ haben sollte. Denn nur dann könne technischer Fortschritt genutzt werden, um dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese kritische Größe könne über einzelbetriebliches Wachstum, aber ebenso gut über Kooperationen erreicht werden. In seinem eigenen Betrieb sei jeder Betriebszweig groß genug, einen eigenen Spezialisten tragen zu können, der sich voll auf seinen Bereich konzentrieren könne. Dies versetze ihn selbst in die Lage, sich auf die strategische Ausrichtung des Gesamtunternehmens, das Risikomanagement sowie Finanzierungsfragen konzentrieren zu können.

Fachliche Kompetenz und erfolgreiche Unternehmensführung
Neben der Unternehmerpersönlichkeit ist fachliche Exzellenz für Döbelt das A und O der erfolgreichen Unternehmensführung. Bei der Führung von Mitarbeitern sei es notwendig, diese mitzureißen. Zwar sei die Landwirtschaft eine Technologie getriebene Branche. Trotzdem müsse ein erfolgreicher Betriebsleiter wissen, wann es Zeit für eine Konsolidierungsphase sei und wann für den nächsten Wachstumsschritt. Döbelt gab seinen jungen Kollegen den Rat mit auf den Weg, geplante Investitionen vorab sauber durchzurechnen. Eine Grenzkostenkalkulation helfe bei der Abschätzung des Risikos enorm. Ebenso wichtig sei eine fristenkongruente Finanzierung. Eine rasche Tilgung sei der Schlüssel, den Betrieb krisensicher zu machen. Nicht nur in der Industrie oder im Handel, sondern auch in der Landwirtschaft sei ein Wachstumsschritt zum falschen Zeitpunkt oder mit der falschen Finanzierung fatal. Antizyklisches Wachstum sei die hohe Kunst, womit vor allem die Milcherzeuger bisher keine Erfahrung hätten. Wachstum dürfe vor allem nicht dazu führen, dass das Unternehmen aufs Spiel gesetzt werde. Deshalb muss es auch einen Ausweg geben, sollte der „Worst Case“ auf der Kosten- oder Erlösseite eintreten. Allerdings habe auch er nicht mit einem Milchpreis von 20 Cent pro Kilogramm kalkuliert, räumte Döbelt ein.

Nach der Krise ist vor der Krise
Kurz vor der mittlerweile achtzehnten Ernte im eigenen Betrieb steht für Döbelt fest, dass nach der Krise immer auch vor der Krise ist. Daher laute für ihn ein wichtiges unternehmerisches Motto „Tilgen, Tilgen, Tilgen“, um sich finanziellen Spielraum zu sichern. Eine starke Eigenkapitalbasis sei der beste Schutz vor unvorhergesehenen Ereignissen wie dem Einbruch der Milchpreise. Auch in der momentan schwierigen Situation am Milchmarkt werde in seinem Unternehmen investiert, wobei auf einen hohen Grenznutzen der Investition geachtet werde. Nächstes Projekt sei beispielsweise die Erweiterung der Beregnungsfläche, was sich beim Anbau von Biogemüse in einem einzigen trockenen Jahr bezahlt mache. Einen hohen Stellenwert hat für den Landwirt in der Krise die Motivation seiner mittlerweile 40 Mitarbeiter, denen er immer wieder sage, man werde die aktuelle Milchkrise – wenn auch mit Blessuren – überstehen. Auf Hilfe durch die Politik setzt Döbelt trotz aller Schwierigkeiten nicht. Politiker sollten Leitplanken einschlagen und sich für faire Wettbewerbsbedingungen einsetzen.

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Aktualisiert am: 07.07.2009 10:37
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