Gesundheitszuchtwerte- sie sind da!

Bei der Rasse Fleckvieh konnten im Rahmen des Projektes „GESUNDheitsmonitoring.RIND“ nun erste Zuchtwerte für Mastitis, Fruchtbarkeitsstörungen und Milchfieber geschätzt werden.
Die neuen Zuchtwerte für Gesundheitsmerkmale sind da!
Die neuen Zuchtwerte für Gesundheitsmerkmale sind da!
Nach umfangreicher Datenprüfung gehen in die Zuchtwertschätzung April 2009 tierärztliche Diagnosedaten von 2.968 Betrieben mit 76.344 Fleckviehkühen ein.
Das Milchleistungsniveau ist beim Fleckvieh in den vergangenen Jahrzehnten durch verbessertes Management aber auch durch züchterischen Fortschritt deutlich angestiegen. Im Gegensatz dazu war die Nutzungsdauer der Tiere eher rückläufig. Neben unzureichender Fruchtbarkeit zählen Euterentzündungen, Klauenerkrankungen und Stoffwechselstörungen zu den häufigsten Abgangsursachen.

Hohe Kosten durch frühen Abgang
Im Jahr 2008 waren beispielsweise beim Fleckvieh fast 55 % aller Abgänge auf Gesundheitsprobleme zurückzuführen. Diese verursachen nicht nur Tierarztkosten, sondern auch Milchgeldverlust durch Wartezeiten und geringere Milchleistung, höheren Arbeitszeitbedarf und verlängerte Zwischenkalbezeiten.

Vom Gesundheits-Monitoring zum Gesundheits-Zuchtwert
In Österreich wurde das Projekt GESUNDheitsmonitoring.RIND Mitte 2006 in Zusammenarbeit von Rinderzucht, Leistungsprüfung, Veterinärmedizin, Wissenschaft, Interessensvertretung und der Unterstützung durch die Ministerien BMLFUW und BMGF gestartet. Im Rahmen dieses Projektes werden Erstdiagnosen mit Hilfe von Arzneimittelbelegen erhoben und für Herdenmanagement und Zucht genutzt. Nun folgt der züchterische Teil mit den ersten Zuchtwerten für Mastitis, Fruchtbarkeitsstörungen und Gebärparese (Milchfieber).
Nun läuft im Rahmen des Gesamtprojektes GESUNDheitsmonitoring.RIND seit März 2008 das Teilprojekt zur Entwicklung einer Zuchtwertschätzung für Gesundheitsmerkmale bei Stieren, durchgeführt vom Institut für Nutztierwissenschaften der Universität für Bodenkultur in Zusammenarbeit mit der ZuchtData. Im Rahmen dieses dreijährigen Projekts, finanziert von BMLFUW und ZAR, wird eine Zuchtwertschätzung für Gesundheitsmerkmale basierend auf den Diagnosedaten für die Routine entwickelt werden. Dabei stehen derzeit die Merkmalskomplexe Fruchtbarkeit, Euter und Stoffwechsel im Vordergrund, bei entsprechender Datenlieferung könnte auch der nicht minder bedeutsame Klauenkomplex folgen.

Die häufigsten Krankheiten
Vor der Schätzung der Erblichkeiten für verschiedene Merkmale, die die Grundvoraussetzung für jede Zuchtwertschätzung darstellen, wurde untersucht, welche Krankheiten wie häufig auftreten. Die Berechnung der daraus folgenden Häufigkeitsfrequenzen basiert auf dem Anteil der Kühe, die im Zeitraum von 15 Tagen vor bis 300 Tage nach der Abkalbung mindestens eine Diagnose der entsprechenden Krankheit aufweisen. Kühe, die innerhalb des Zeitraumes abgegangen sind und keine Diagnose in der jeweiligen Kategorie aufweisen, wurden in der Analyse ebenso nicht berücksichtigt wie Kühe ab der 11. Laktation. Wenn ein Tier mehrere Erstdiagnosen in einem Merkmal aufweist, wird es nur einmal gezählt. Allgemein ist zu beachten, dass die tatsächlichen Häufigkeiten möglicherweise noch etwas unterschätzt sind, da nur Daten von einem begrenzten Zeitraum zur Verfügung standen. Daher könnten sich mit zunehmender Beteiligung und genauerer Datenerfassung die Häufigkeiten der einzelnen Krankheiten noch etwas verändern.

An der Spitze der Erkrankungen liegt die akute Mastitis. Etwa bei jeder 10. der beobachteten Kühe in GESUNDheitsmonitoring- Betrieben wurde zumindest einmal pro Laktation eine akute Mastitis diagnostiziert. Offensichtlich ist auch die Bedeutung des Fruchtbarkeitskomplexes, wo vor allem Zysten, Stillbrunst und Gebärmutterentzündung eine große Rolle spielen, hoch. Jede 5. Kuh wurde wegen einer Fruchtbarkeitsstörung behandelt.
Im Bereich der Stoffwechselerkrankungen liegt die Gebärparese (Milchfieber) voran.
Da der Großteil der Krankheiten um den geburtsnahen Zeitraum auftritt, wird vor allem dieser Bereich züchterisch bearbeitet.

Zucht auf Gesundheitsmerkmale Erfolg versprechend
Fitnessmerkmale weisen allgemein niedrige Erblichkeiten auf und können daher nur langsam züchterisch verbessert werden. Für die Rasse Fleckvieh konnten mit einem so genannten Schwellenwertmodell Erblichkeitswerte im Bereich von 6 bis 15 % geschätzt werden. Diese Ergebnisse liegen im Bereich anderer Untersuchungen aus Skandinavien. Bei der Rasse Norwegische Rote wurden beispielsweise Erblichkeiten von 5 bis 8 % für Mastitis, 9 bis 13 % für Milchfieber, 14 bis 16 % für Ketose und 8 % für Nachgeburtsverhaltung ermittelt. Diese Ergebnisse zeigen, dass Zucht auf Gesundheitsmerkmale Erfolg versprechend ist, da die Erblichkeitswerte von Mastitis, Fruchtbarkeitsstörungen und Milchfieber liegen teilweise höher als die der bisher in der Zuchtwertschätzung in Österreich und Deutschland berücksichtigten Fitnessmerkmale.

Weniger Gesundheitsprobleme vererbt
Auf Beschluss der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Fleckviehzüchter wurden mit der April-Zuchtwertschätzung erstmals Gesundheitszuchtwerte veröffentlicht.
Bedingung dafür ist eine Mindestsicherheit von 60 %. Diese Zuchtwerte werden in der Folge auch bei jeder Routine- Zuchtwertschätzung aktualisiert, das nächste Mal also im August 2009. Generell werden nur Zuchtwerte für Stiere veröffentlicht, nicht jedoch für Kühe, sodass sich keinerlei negative Auswirkungen in der Zuchtwertschätzung für eine Kuh mit einer Diagnose ergeben. Mit den neuen Gesundheitszuchtwerten hat jeder Landwirt die Möglichkeit verstärkt Stiere auszuwählen, die weniger Gesundheitsprobleme vererben.

Gesund und leistungsstark – ein Widerspruch?
In vielen wissenschaftlichen Untersuchungen wurde ein züchterisch negativer genetischer Zusammenhang zwischen der Milchleistung und Gesundheitsmerkmalen (Mastitis, Ketose, Lahmheiten) nachgewiesen. Diese Beziehung wird auch in den Zuchtwerten deutlich.

Was ist noch zu beachten?
Bei der Interpretation der Daten ist zu beachten, dass diese Gesundheitszuchtwerte erste Zuchtwerte aus einem laufenden Doktoratsprojekt sind. Im Rahmen des Projektes wird an weiteren Verbesserungen bei der Datenvalidierung, dem Modell und den Zuchtwertschätzmethoden gearbeitet. Die Doktorandin DI Astrid Köck wird im Sommer 2009 einige Zeit in Norwegen verbringen, um dort von deren Erfahrungen zu lernen und an weiteren Methodenverbesserungen zu arbeiten. Änderungen sind wie in jeder Zuchtwertschätzung natürlich auch durch weitere Daten zu erwarten. Derzeit werden beispielsweise Fruchtbarkeitsstörungen von Kalbinnen noch nicht berücksichtigt, da ihre Anzahl noch zu gering war, um eine getrennte Erblichkeitsschätzung durchzuführen.

Wie geht es weiter?
Offen sind noch die endgültigen Merkmalsdefinitionen und Veröffentlichungskriterien nach Abschluss des Projektes. Angedacht ist auch ein Index, wo z.B. bei der Eutergesundheit Mastitis, Zellzahl und evt. ein Euterexterieur-Merkmal berücksichtigt werden. Auch im Fruchtbarkeitsbereich ist zu untersuchen, wie die Fruchtbarkeitsstörungen mit den anderen Fruchtbarkeitsmerkmalen kombiniert werden können. Beim Stoffwechselbereich ist noch eine Erweiterung auf einen zusätzlichen Zuchtwert für Ketose und weitere Stoffwechselerkrankungen denkbar. Durch die gemeinsame Zuchtwertschätzung werden für alle Rassen in Deutschland und Österreich die gleichen Zuchtwerte veröffentlicht. Sollten jedoch nicht aus beiden Ländern Leistungen für bestimmte Merkmale vorliegen, wie es derzeit bei den Gesundheitsmerkmalen der Fall ist, könnten in einen Index dann nur die Informationen aus Österreich eingehen. Um diese Fragen klären zu können, müssen vorher die genetischen Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Merkmalen analysiert werden und auch wirtschaftliche Gewichte vorliegen.
Wie nach Abschluss des Projektes die Gesundheitszuchtwerte im Rahmen der gemeinsamen Zuchtwertschätzung mit Deutschland/Österreich veröffentlicht werden, ist dann im länderübergreifenden Beratenden Ausschuss Zuchtwertschätzung zu klären.

Fazit
Es wird über verschiedene Prüfungen sichergestellt, dass nur Daten von Betrieben mit zuverlässiger Diagnosedatendokumentation und Erfassung in die Zuchtwertschätzung eingehen. Die veröffentlichten Zuchtwerte stammen derzeit ausschließlich von bereits geprüften Stieren. Wenn in Zukunft auch für die aktuellen Stiere Gesundheitszuchtwerte für die Selektion zur Verfügung stehen sollen, ist es wichtig, zuverlässige Diagnosedaten von möglichst allen Teststier-Töchtern zu erheben. Es liegt also in der Hand der Züchter, mit ihrer aktiven Teilnahme am GESUNDheitsmonitoring.RIND zu ermöglichen, dass allen Landwirten aussagekräftige Gesundheitszuchtwerte von Stieren für ihre Anpaarungsentscheidungen zur Verfügung stehen und absolute Negativvererber erkannt werden können.

Gesundheitszuchtwerte und weitere Informationen finden Sie unter www.zar.at und www.fleckvieh.at.

Eine Übersicht über die neuen Gesundheitszuchtwerte, gereiht nach Fruchtbarkeit, gibt es hier: Gesundheitszuchtwerte


Autor:
Aktualisiert am: 20.04.2009 07:31
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