Ferkelkastration mit Ablaufdatum?

Die chirurgische Ferkelkastration hat ein Ablaufdatum. In einer Europäischen Erklärung wurde der 1. Jänner 2018 als Ablaufdatum für die chirurgische Kastration ins Auge gefasst. Wird es bis dahin praxistaugliche Lösungen geben?
Bei vielen Alternativen zur chirurgischen Ferkelkastration ist derzeit die Praxistauglichkeit nicht gegeben.
Bei vielen Alternativen zur chirurgischen Ferkelkastration ist derzeit die Praxistauglichkeit nicht gegeben.
Eben schien der Verdacht nahe, die Diskussion um die Zukunft der chirurgischen Ferkelkastration lege angesichts der europäischen Einigung mit Frist bis 2018 eine Verschnaufpause ein, da kommt aus Berlin ein neuer Vorstoß: Deutschlands Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Ilse Aigner attestierte in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 14. Februar Handlungsbedarf bei der Ferkelkastration. Das ließ Europas Schweinehalter aufhorchen, denn ein Vorstoß des größten Schweineproduzenten Europas hätte großen Einfluss auf alle, auch auf Österreich.

Rückblende:
Im Jahr 2006 schafft mit der niederländischen Tierschutzpartei Partij voor de Dieren erstmals in Europa eine reine Tierschutzpartei den Einzug in ein nationales Parlament. Die Partei nützt das neue Podium für eine große Kampagne gegen die chirurgische Ferkelkastration, welche in der Erklärung von Noordwijk mündete. Am 27. November 2007 wurde in den Niederlanden das Ende der Ferkelkastration mit 1.1.2015 beschlossen. Diese Entwicklung ging auch in Brüssel nicht spurlos vorüber. Aufgrund des steigenden öffentlichen Drucks sowie gezielter Lobby-Arbeit von Tierschutzorganisationen beschäftigte sich auch die Europäische Kommission ab 2007 intensiv mit der Materie.

Schmerzmittel
Im September 2008 einigten sich die Branchenteilnehmer in Deutschland zur sogenannten Düsseldorfer Erklärung. Damit wurde offiziell das Ziel „Verzicht auf die Kastration“ und als Zwischenlösung der Einsatz von Schmerzmitteln ausgesprochen.
Schaut die europäische Schweineproduktion ob der Diskussion rund um die Ferkelkastration in eine ungewisse Zukunft?
Schaut die europäische Schweineproduktion ob der Diskussion rund um die Ferkelkastration in eine ungewisse Zukunft?
Seit 1. April 2009 ist der Einsatz dieser Schmerzmittel, sogenannter Nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAID), im Rahmen des QS-Labels Pflicht. Auch in Österreich kam es zu einer ähnlichen Branchenvereinbarung. Seit 1. Jänner 2011 wird in den Verbänden des VÖS sowie in den AMA-Gütesiegel Richtlinien der Schmerzmitteleinsatz bei der Kastration vorgeschrieben.

Europäische Lösung
Die Europäische Kommission im vergangenen Jahr, eine gemeinsame Europäische Erklärung von Vertretern der Landwirtschaft, der Fleischindustrie, des Einzelhandels, der Forschung, der Tierärzte und der nichtstaatlichen Tierschutzverbände in Europa zu verfassen, was Ende des Jahres auch gelang. Dieser Erklärung zufolge soll dafür gesorgt werden, dass die chirurgische Kastration bei Schweinen bis zum 1.1.2018 eingestellt wird. Als Voraussetzung für die Beendigung der chirurgischen Kastration gelten die Verfügbarkeit und Anwendbarkeit folgende Instrumente:

  • Europaweit anerkannte Referenzmethode für die Messung der für Ebergeruch verantwortlichenchemischen Verbindungen;
  • Methoden zur Schnellerkennung von Ebergeruch in Schlachtbetrieben;
  • Verminderung der für Ebergeruch verantwortlichen Verbindungen durch Züchtung und/oder Haltung und Fütterung;
  • Produktions- und Haltungssysteme Eber bei Aufzucht, Transport und Schlachtung, die bewirken, dass durch Sexualtriebe und Aggressionen bedingte Verhaltensweisen auf ein Mindestmaß reduziert werden.


Ebenfalls Teil der Europäischen Lösung ist die Finanzierung und Unterstützung von Forschungsprojekten durch die Europäische Kommission.

Ausblick
Ob es tatsächlich 2018 zu einer Einstellung der Ferkelkastration kommt, hängt vor allem davon ab, ob die Wissenschaft bis dahin die offenen Fragen beantworten kann und praktikable Produktionssysteme entwickelt worden sind. In wie weit sich der Vorstoß der deutschen Landwirtschaftsministerin in dieses Korsett zwängen lässt, bleibt abzuwarten.

Autor: Roman GOLDBERGER, Der fortschrittliche Landwirt

Mehr Hintergrundinfos zum Thema "Ferkelkastration", aktuelle Interviews über neue Entwicklungen sowie eine Bewertung der möglichen Alternativen lesen Sie in Ausgabe 6 von "Der fortschfrittliche Landwirt".

Weiters in dieser Ausgabe:

  • Kleine Helfer für die Schweinehaltung
  • Reportage: Hygiene als Erfolgskonzept
  • Leserreise USA: Go West



Aktualisiert am: 04.03.2011 10:37
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