Ferkelkastration: Fakten, Standpunkte und Entwicklungen (Schwerpunktthema)

Das Thema Ferkelkastration bewegt seit geraumer Zeit die Gemüter, über Ländergrenzen hinweg. Trotzdem ist es in den vergangenen Jahren gelungen, die Diskussion weitgehend zu versachlichen. Es darf also erwartet werden, dass in absehbarer Zukunft eine vernünftige Lösung dieser Frage zustande kommt.
In den 25 EU-Mitgliedsstaaten werden jährlich rund 100 Mio. Ferkel chirurgisch kastriert.
In den 25 EU-Mitgliedsstaaten werden jährlich rund 100 Mio. Ferkel chirurgisch kastriert.
Zu den Fakten: In den 25 EU-Mitgliedsstaaten werden jährlich etwa 100 Mio. männliche Ferkel chirurgisch kastriert, wobei der Eingriff in 97 % der Fälle ohne Schmerzausschaltung erfolgt (siehe Tabelle). Etwa 25 Mio. männliche EU-Ferkel bleiben von der Kastration verschont. In UK und Irland wird gänzlich auf die Kastration verzichtet, in Portugal, Spanien, Zypern und Griechenland in einem erheblichen Ausmaß. In allen übrigen EU-Ländern, auch in Österreich, kommt praktisch jedes männliche Ferkel ohne Anästhesie unters Messer. Auffällig ist, dass das Schlachtkörpergewicht und teilweise auch der Pro-Kopf-Verbrauch in den Ländern mit einem erheblichen Eberfleischanteil deutlich geringer sind als in den Ländern mit großteils kastrierten Tieren.

Alternativen im Vergleich
Wird auch in Zukunft chirurgisch aber unter Anwendung von Schmerzmitteln kastriert, könnte das bestehende Produktionsverfahren bis hin zum Teller weitgehend beibehalten werden. Zudem könnte die Phase der Schmerzausschaltung für weitere schmerzhafte Routineeingriffe genutzt werden (Ohrmarken, Schwanzkupieren, Arzneimittelgaben), wobei jedoch nur die männlichen Tiere davon profitieren würden.

Ersatzmethoden
Der Verzicht auf die chirurgische Kastration bringt deutliche Vorteile in Bezug auf das Tierwohl und die Nachvollziehbarkeit und wird von nahezu allen Experten als der langfristig sinnvollere Weg angesehen. Dieser Weg würde jedoch mehr oder weniger große Anpassungen entlang der gesamten Produktionskette erfordern. Zurzeit sind die Impfung gegen Ebergeruch und die Ebermast die einzigen relevanten Alternativen zur chirurgischen Kastration. Daneben gibt es weitere Methoden, von denen jedoch nicht angenommen werden kann, dass sie in absehbarer Zeit Praxisreife erlangen werden.

In Zukunft nur noch Ebermast?
Namhafte Teile der deutschen Schlachtindustrie setzen große Hoffnung in die Verarbeitung von Eberfleisch und suchen z.T. Eber mästende Betriebe, um eigene Erfahrungen in der Verarbeitung dieser Produkte zu sammeln. Nach bisher vorliegenden Erfahrungen ist die Ausprägung des Geschlechtsgeruches in verkaufsrelevanten Grenzen nicht eine Frage des Schlachtgewichtes, sondern des Alters der Tiere. Bislang werden die gelieferten Jungeber mit einem so genannten Festpreis bezahlt, da weder die Klassifizierung mit dem FOM- noch mit dem Auto- FOM Verfahren eine realistische Einschätzung des Handelswertes ermöglicht. Aus Sicht der Schweinerzeuger stellt sich die Frage, wie hoch dieser Festpreis ausfällt und ob sich nicht dadurch auch das große Interesse der Verarbeiter erklärt. Im März 2009 wurden die Jungeber mit 4 Cent unter der ZMP Notierung bezahlt. Von der Bezahlung der Eber einerseits sowie den biologischen Leistungen andererseits hängt es ab, ob die Ebermast für den Schweinemastbetrieb wirtschaftlich zu gestalten sein kann. Bei gleichen Masttageszunahmen, besserer Futterverwertung eines teureren Futters und besserer Klassifizierung (+ 3 % MFA) kann das Ergebnis bei einem Abzug von 5 Cent/kg pro kg Schlachtgewicht gegenüber der Mast von Kastraten bereits negativ werden. Deshalb gilt es ausreichende Erfahrungen in der Haltung und Fütterung von Jungebern zu sammeln.

Autoren: Johannes BAUMGARTNER, Veterinärmedizinische Universität Wien, und Dr. Eckhard MEYER, Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, Lehr- und Versuchsgut Köllitsch (D)


Aktualisiert am: 03.06.2009 17:10
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