Erziehung: Hilfe, mein Kind ist anders

Verhaltensauffällige Kinder verlangen ihren Eltern alle Lebenskraft ab, denn es gilt nicht nur das Kind immer wieder neu zu steuern, zu verstehen und lieb zu haben, sondern auch gegen die Vorurteile und das durchaus nachvollziehbare Unverständnis der Umwelt entgegenzuhalten.
Soziale Beziehungsmuster und Verhaltensweisen müssen vorgelebt und jahrelang einstudiert werden. Das verlangt von den Eltern viel Zeit, Konsequenz, Liebe und auch Abgrenzung.
Soziale Beziehungsmuster und Verhaltensweisen müssen vorgelebt und jahrelang einstudiert werden. Das verlangt von den Eltern viel Zeit, Konsequenz, Liebe und auch Abgrenzung.
„Als Pia klein war, hatte ich schon das unbestimmte Gefühl, dass das Leben mit ihr nicht einfach würde. Sie quengelte mehr als ihre Geschwister und war stets unzufrieden. Pia hatte ihren Spaß daran andere Kinder beim Spielen zu stören. Seit ihrer Einschulung wusste ich es bestimmt: meine jüngste Tochter ist anders! Ihre Lehrerin teilte mir bereits am ersten Elternabend mit: Pia stört den Unterricht, sie lacht an unpassenden Stellen und spricht in einem fort mit ihren Sitznachbarn. In der Pause ist sie laut, läuft herum und stößt andere Kinder!“
Pias Mutter Ingrid ist mit ihrer Weisheit und ihren Nerven am Ende. „Am meisten lässt mich das Gerede der anderen verzweifeln. Nachbarn, Bekannte, Freunde und Verwandte – alle wissen ganz genau WARUM Pia so ist wie sie ist: wir haben sie als Nesthäkchen verwöhnt, ihr keine Grenzen gesetzt. Dabei war ich mir sicher, sie genauso wie ihre älteren Geschwister erzogen zu haben!“
Pia ist kein Ausnahmefall. Kleine Störenfriede wie Ingrids Tochter hat es immer gegeben. „Schwieriges Kind“, „Problemkind“, „verhaltensauffällig“ – mit diesen Begriffen werden Kinder wie Pia belegt, die keine Behinderung oder Krankheit aufweisen, sich aber anders verhalten als es ihre Eltern bzw. die Umgebung erwarten.

Was kann ich tun?
Können physische und schwerwiegend psychische Ursachen für das Anderssein ausgeschlossen werden, gilt es zunächst das Kind in seiner Eigenart zu akzeptieren. Gerade das fällt betroffenen Eltern verständlicherweise schwer!
Themenbezogene Literatur aber auch Eltern, die selber ein verhaltensauffälliges Kind haben, können da eine große Ermutigung darstellen.
Wenn ein Kind aus der Reihe tanzt, brauchen Eltern mehr denn je Personen, die rückhaltlos zu ihnen stehen und bei Bedarf auch Ideen und Tipps geben. Ihre wichtigste Aufgabe ist es aber „einfach da zu sein“, wenn man das eigene Kind und manchmal sich selber nicht mehr zu verstehen meint.
Universalrezepte gegen die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes gibt es nicht. Dennoch sollten sich Eltern und andere Bezugspersonen folgende Fragen stellen:
• Bekommt das Kind genügend Anerkennung, Liebe und ausreichend altersgerechte Förderung?
• Sind Bezugspersonen oder das Kind ständigem Stress ausgesetzt?
• Bin ich unglücklich mit meiner Lebenssituation und projiziere ich diese Unzufriedenheit auf mein Kind?
• Verlange ich von meinem Kind Dinge, die es von seiner Entwicklungsstufe her noch nicht bewältigen kann?
• Vergleiche ich das Kind stets mit seinen Geschwistern?
• Hat mein Kind ausreichend Bewegungsmöglichkeit – sowohl in körperlicher als auch in geistiger Weise? Oder enge ich es ein?
Es gibt weder eine Tablette noch eine Einheitslösung für Problemkinder. Wichtiger als die Ursachenforschung oder gar die Schuldfrage ist die Frage:

Wie lebe ich mit (m)einem verhaltensauffälligen Kind?
Grundsätzlich ist das schlechte Verhalten des Kindes ein Hilfeschrei. „Besser Mama und Papa schimpfen mit mir als mich gar nicht zu bemerken!“, scheint das Kind sagen zu wollen. Können Eltern aber ausschließen, dass das Kind zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, kann Ablenkung in vielen Fällen eine gute Hilfe sein. Manchmal ist es zielführend anstatt auf das ungezogene Verhalten einzugehen, das Kind auf eine andere Tätigkeit, etwa ein Spiel, einzuladen.
Wenn Pia im Unterricht ständig mit den Sitznachbarn plaudert, ist sie vielleicht unterfordert. Pädagogen lassen auffällige Kinder gerne Hilfsdienste verrichten oder nehmen sie öfter zum „Lautlesen“ dran.
Pias Mutter Ingrid hat bei einer Lebensberaterin Hilfe gesucht und den Rat bekommen, ihre Tochter vermehrt zu loben. Und zwar für liebenswerte und positive Verhaltensweisen. Allerdings bekam sie im Gegenzug den Auftrag, nicht mehr mit anderen über „die schwierige Pia“ zu reden. Auch nicht seufzend am Telefon, wenn sie meint das Mädchen würde das Gespräch nicht mitbekommen. Wer immer hört wie negativ sein Verhalten ist, kann niemals aus dieser Spirale ausbrechen, und meint mit der Zeit: Ich bin eben so und kann mich nicht ändern!
Aber gerade dieses negative Denken muss durchbrochen werden, um das problematische Verhalten gemeinsam mit dem Kind in den Griff zu bekommen. Eine leise Hoffnung macht sich mittlerweile bei Ingrid breit. Immer wieder erkennt sie Ansätze von sozialem Verhalten und positiven Reaktionen von Pia. Als das Mädchen neulich für eine ältere Frau im Supermarkt eine Ware aus dem Regal holte, und diese zu Ingrid meinte: „Sie haben aber eine nette Tochter!“, war das für Pias Mutter wie Weihnachten und Ostern gleichzeitig. Ihre Tochter wurde das erste Mal im Leben gelobt! Ingrid konnte ihr Glück kaum fassen.
Dieses Erlebnis zeigt wie verletzt Mütter und Väter verhaltensauffälliger Kinder sind, und wie sehr gerade sie Hilfe und Verständnis brauchen!
So manches „schwierige“ Kind wird eines Tages ein friedlicher Zeitgenosse. Oft gerade dann, wenn niemand mehr so recht damit gerechnet hat. Bis dahin ist das Leben für die ganze Familie ein stetes Auf und Ab der Gefühle, der Kräfte und des Tagesablaufs.
Nicht nur die Eltern und Geschwister, sondern das ganze Lebensumfeld braucht eine große Portion Barmherzigkeit und Verständnis für die besonderen Bedürfnisse und Umstände, Akzeptanz und Rücksicht bei den kleinen Störenfrieden, Hilfestellung für deren Eltern statt Ausgrenzung.

Autorin: Roswitha WURM, Wien


Aktualisiert am: 06.10.2009 11:12
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