Die Lebensleistung – der naturgemäße "Selektionsindex"

Da das Hausrind vom Wildrind abstammt, sind für eine naturgemäße (evolutionsgerechte) Rinderzucht grundlegende Kenntnisse über die Wildvorfahren von ausschlaggebender Bedeutung, die in einem Jahrmillionen dauernden Ausleseprozess, der Evolution, entstanden sind.
In der Lebensleistungszucht setzt man auf leistungsstarke Kuhfamilien.
In der Lebensleistungszucht setzt man auf leistungsstarke Kuhfamilien.
Für die Wirtschaftlichkeit der Milchkuhhaltung ist nach der Leistungshöhe die Nutzungsdauer der zweitwichtigste Einflussfaktor. Je nach Preis-Kosten-Verhältnissen ergibt sich in verschiedenen Ländern die höchste Rentabilität, wenn die Kühe mindestens 6 bis 10 überdurchschnittliche Laktationen erbringen.

Aus ökonomischer Sicht kann sowohl mit kurzlebigen Kühen (2 bis 3 abgeschlossene Laktationen), als auch mit Dauerleistungskühen (6 bis 8 Laktationen) ein ähnlicher Betriebserfolg erzielt werden. Um den gleichen Betriebsgewinn zu erwirtschaften müssen Kühe, die in der 3. Laktation abgehen, aber eine durchschnittliche jährlich Milchleistung von rund 8.000 kg erbringen; Kühe mit einer Lebensleistung von über 50.000 kg dagegen nur gut 6.000 kg Jahresleistung im Mittel von 7 bis 8 Laktationen.

Andererseits wird aber auch gezeigt, dass der Betriebsgewinn stark abnimmt, wenn die Jahresmilchleistungen deutlich unter 6.000 kg sinken und die 50.000 kg Lebensleistung erst mit 10 oder mehr Laktationen erreicht wird.

Aus ökologischer Sicht darf aber nicht übersehen werden, dass bei kurzlebigen Kühen, die über 8.000 kg Milch pro Jahr geben, der notwendige Kraftfutteranteil 40 % und mehr beträgt. Das ist nach den Bio-Richtlinien der EU zwar erlaubt, jedoch mit einer nachhaltigen Grünlandbewirtschaftung, artgemäßen Wiederkäuerfütterung und ernährungsphysiologisch erwünschten Milchqualität unvereinbar!

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass eine lange Nutzungsdauer bzw. große Kälberzahl unabdingbare Voraussetzung für eine strenge Selektion ist und die Kosten für die Bestandsergänzung (Remontierung) senkt. Auch die durchschnittliche Herdenleistung ist höher, wenn weniger Erstlingskühe und mehr Kühe mit höheren Laktationen im Stall stehen.

Zusammenfassung

Soll sich trotz steigender Milchleistung die Fitness (Fruchtbarkeit und Lebenskraft) nicht verschlechtern, so dürfen im Zuchtziel nur solche Merkmale berücksichtigt werden, deren Stoffwechselprozesse sich gegenseitig zumindest nicht hemmen, sondern womöglich fördern. Diese schwierige Aufgabe der langfristig richtigen Gewichtung vieler Einzelmerkmale für den Selektionsentscheid wird "naturgemäß" am besten durch die Auswahl nach der Lebensleistung gelöst.

AöLZ-Adressen: Obmann Martin ERTL, Oberdorf 2, 9800 Spittal/Drau, Tel.: 04762/2316 oder Prof. Dr. Alfred HAIGER, Eichfeldergasse 17/2/6, 1210 Wien, Tel.: 01/2904986, e-mail: alfred.haiger@aon.at



Autor: O.Univ.Prof. i.R. DI Dr. Alfred HAIGER (Er war 27 Jahre Vorstand des Institutes für Nutztierwissenschaften an der Boku und ist wissenschaftlicher Berater der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Lebensleistungszüchter, AöLZ)


Aktualisiert am: 10.03.2008 14:02
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