Biotreibstoff: Als Sündenbock zu schade

Biokraftstoffe sind viel zu wertvoll, um als Sündenbock für die weltweit hohen Nahrungsmittelpreise abgestempelt zu werden. Die Ursachen der Preissprünge liegen nicht beim Biosprit und nicht in Europa. Brüssel forciert weiterhin den Einsatz von Treibstoffen auf Basis von Biomasse.
Eine krisensichere Landwirtschaft braucht eine verlässliche Treibstoffversorgung – ein eindeutiges Argument für eine einheimische Spritversorgung auf der Grundlage von Biomasse.
Eine krisensichere Landwirtschaft braucht eine verlässliche Treibstoffversorgung – ein eindeutiges Argument für eine einheimische Spritversorgung auf der Grundlage von Biomasse.
Die Lebensmittelpreise klettern in die Höhe. Die Getreidepreise haben sich real seit 1975 zwar halbiert, aktuell steigen sie jedoch, und dieser Umstand beunruhigt die Menschen. Aber leider kann die Suche nach Erklärungen auch schnell zu einer Hexenjagd werden, d.h. ein Sündenbock muss gefunden werden. Und es scheint so, als ob die Biokraftstoffe dieser Sündenbock wären.

Kein Hunger durch Biosprit
Es ist unbestritten, dass der plötzliche Preisanstieg Probleme in den städtischen Gebieten der Entwicklungsländer verursacht hat. Ein langfristiger Preisanstieg hat jedoch auch positive Aspekte, vor allem für die 70 bis 80 Prozent der weltweit ärmsten Menschen, die in ländlichen Gebieten leben und ihren Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft verdienen. Das schafft Anreize, das vorhandende landwirtschaftliche Know-how zu verbessern und nach neuen landwirtschaftlichen Produkten Ausschau zu halten. Die EU kann hier durch langfristige Entwicklungshilfe unterstützend eingreifen.
Diejenigen, die Biokraftstoffe für den aktuellen Preisanstieg der Lebensmittel verantwortlich machen, haben nicht nur den einen, direkt vor ihnen stehenden Elefanten übersehen, sondern sogar gleich zwei davon.

Nahrungsumstellung und Wetterextreme
Ein wichtiger Grund für die steigenden Lebensmittelpreise ist die enorme Zunahme bei der Nachfrage aus Schwellenländern, wie zB China und Indien. In diesen Ländern wir zunehmend mehr Fleisch verzehrt. Es sind ca. 4 kg Weizen erforderlich, um 1 kg an Schweinefleisch und ca. 2 kg an Weizen, um 1 kg an Geflügel zu produzieren. Entsprechend wirkt sich eine Nahrungsumstellung und Verlagerung hin zu einer Ernährung mit mehr Fleisch in Bevölkerungen mit mehr als 1 Milliarde Menschen enorm auf die Rohstoffmärkte aus.
2006 hatte die Weizenproduktion in den USA, der EU, Kanada, Russland, der Ukraine und Australien mit schlechten Wetterbedingungen zu kämpfen. 2007 passierte dies erneut, mit Ausnahme in den USA. Vor diesem Hintergrund darf nicht mit niedrigen Preisen gerechnet werden.

Spekulation
Daneben gibt es auch noch andere Einflüsse wie zB die Spekulation. Dazu ein paar Zahlen: 1998 betrugen die Investitionen in Rohstoffindizes insgesamt $ 10 Milliarden. 2007 machte diese Summe $ 142 Milliarden aus. Und im Februar dieses Jahres wurden 140 Finanzprodukte auf Basis von Rohstoffen eingeführt. Dies war die bisher höchste Zahl und umfasst das Doppelte der Produkte, die pro Monat 2006 und 2007 auf den Markt gebracht wurden.

Minimaler Einfluss der Biokraftstoffproduktion
Die Europäische Union nutzt aktuell weniger als 1 Prozent ihrer Getreideproduktion zur Herstellung von Ethanol. Das entspricht nur einem Tropfen Wasser in einem Ozean. Zwei Drittel der Rapsernte werden zur Herstellung von Biodiesel genutzt, die europäische Rapsproduktion macht jedoch nur ca. 2 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Rapsöl aus. Dadurch werden die Märkte sicherlich nicht ins Wanken gebracht.

Weltweit noch große Reserven
Es darf nicht vergessen werden, dass ca. 21 Millionen Hektar an Boden, die für die Getreideernte eingesetzt werden, nicht mehr genutzt wurden, als die Sowjetunion zerschlagen wurde. Laut Angeben der FAO könnte Russland seine Getreideernte um 45 Prozent, Kasachstan um 60 Prozent und die Ukraine um 70 Prozent erhöhen. Und die durchschnittliche Getreideernte in der in Entwicklung begriffenen Welt beträgt weniger als die Hälfte des Niveaus in der "westlichen Welt".
Wird das Potenzial der Kraftstoffe der zweiten Generation berücksichtigt, wird klar, dass viele Länder ihre Biokraftstofferzeugung erhöhen könnten, ohne dadurch die für Lebensmittel benötigten Getreide zu vernachlässigen oder eine schädliche geänderte Landnutzung durchzuführen.

Grundlage des Beitrages war eine Rede von EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel. Die Hauptaussagen haben wir für Sie zusammengefasst.


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Aktualisiert am: 23.09.2008 13:59
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