Waldverwüstende Wildschäden: Versagen Behörden und InteressensvertreterInnen?
Nichts polarisiert im fortschrittlichen Landwirt mehr als das Thema „Wildschäden im Wald“. Die Emotionen schwappen dabei hoch, die Fronten verlaufen quer durch die Leserschaft. Getreu dem Leitsatz in unserer Redaktion „Wir schreiben im Interesse der Bauern!“ wird der fortschrittliche Landwirt in seinen Medien dieses Thema möglichst sachlich abhandeln. Ein zentrales Ziel dabei ist auch, herauszufinden, ob die Behörden und bäuerlichen Interessensvertreter tatsächlich säumig sind, wie viele Betroffene behaupten.
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„Auf einer Fläche von 17 Hektar ist die Tanne total verbissen! Ebenso das wichtige Laubholz, selbst die Buche wird nicht geschont.“, erzählt der Waldbesitzer. Zur Unterstützung hat er die Hilfe der Landwirtschaftskammer angefordert. Diese hat auch prompt einen Schaden von insgesamt 43.000 Euro festgestellt. Der zuständige Bezirksforsttechniker hat begonnen, der Jägerschaft entsprechende Maßnahmen, die dazu führen sollen, den Wildbestand nachhaltig zu senken, vorzuschreiben. Alles eitel Wonne? Mitnichten! Seit einer gemeinsamen Begehung mit dem Landesforstdirektor stockt das Ganze. Das Schlichtungsverfahren läuft, derzeit noch ohne Ergebnis. Die Landwirtschaftskammer scheint in den Augen der Betroffenen die Unterstützung stark zurück zu nehmen. Warum wohl? „Beamte der Forstbehörde sind gleichzeitig Organe im NÖ- Landesjagdverband. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Rechtswidrigkeit noch keinem Politiker in der NÖ- Landesregierung aufgefallen ist. Vergleichbar mit einem Polizeibeamten der eine Alkoholkontrolle durchführt, der zuvor bei einer Feierlichkeit die Anwesenden bis zur 0,8 Promille Grenze heranführte. Auch die Landwirtschaftskammer ist ganz stark mit der Jagdlobby verbandelt!“, sieht Wolfgang Matzinger, Bruder und Berater des Grundbesitzers, unter anderem auch Staatspreisträger für beispielhafte Forstwirtschaft, die Ursache dafür in großen Interessenskonflikten innerhalb der Forstbehörde und der bäuerlichen Interessensvertretung.
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„Dort schaut es aus wie in einem Safaripark. Alles was nicht besonders geschützt wird, wird verbissen oder gefegt. Flächenhaft gibt es auf Grund der hohen Rotwildbestände nur mehr die Grauerle und Weißdornbüsche!“ Selbst der für die Bewirtschaftung des Auwaldreviers zuständigen Agrarbezirksbehörde ist die Sache klar, sie stellt im Operat der Agrargemeinschaft schriftlich flächenhafte waldverwüstende Wildschäden fest. Für besondere Aufregung sorgt in diesem Fall der Umstand, dass dort auch im Sommer gefüttert wird und zwar „in einem unglaublichen Ausmaß, was eindeutig nicht erlaubt ist“. Es handelt sich dabei um 200 Hektar Auwald einer Agrargemeinschaft. „Die Zustände sind der Behörde seit Jahren bekannt und es passiert nichts! Eine Anzeige wegen Waldverwüstung, die wir dem Landesforstdirektor persönlich übergeben wollten, hat dieser gar nicht angenommen!“, so ein Vertreter der Agrargemeinschaft. Mittlerweile ist die Anzeige aber auch per Post bei der Forstbehörde eingegangen. „Es wird endlich Zeit, dass die Behörde die zutreffenden Paragraphen kompromisslos zur Anwendung bringt. Es geht ja nicht nur um den enormen finanziellen Schaden, den wir schon erlitten haben sondern auch um die Erhaltung ökologisch sehr wertvoller Biotope!“ bringt ein Mitglied der Argrargemeinschaft eine zusätzliche Dimension ins Spiel. Das Verfahren läuft …
Beispiel Mettnitztal
Aus Kärnten berichtet ein Waldbesitzer von horrenden Schälschäden in seinem Wald, wobei dieser zudem als Bannwald festgestellt ist. Der fortschrittliche Landwirt konnte sich vom Ausmaß dieser Schäden in einem Lokalaugenschein überzeugen und hat auch diese fotografisch dokumentiert. Die Meldung der Schäden erfolgte schon im Jahre 2008. Bis heute wartet man auf die rechtsgültige Entscheidung im § 16 – Verfahren. „Verzögerungstaktik auf Grund der engen persönlichen Verquickung von BehördenvertreterInnen nenne ich das“, so Dietmar Rinner, auch ein Staatspreisträger für beispielhafte Waldwirtschaft.
Beispiel Gerlitzen
Unisono mit anderen bäuerlichen Waldbesitzern fordert Rinner daher, dass die Grundbesitzer endlich mehr Mitspracherecht bei der Jagd erhalten sollen! So wie Frau Ingenieurin Brunhilde Marinz aus Wernberg bei Villach (Kärnten) etwa. Sie bewirtschaftet auf der Gerlitzen, dem Hausberg der Villacher, 58 Hektar Wald. Die Jagd auf ihrem Grund ist an 2 Gemeindejagden verpachtet. Unmittelbar an ihrem Wald angrenzend finden sich 2 Eigenjagdbetriebe. „Dort sind die Wildschäden derart hoch, dass sie ein Blinder mit dem Krückstock sehen muss!“, stellt Frau Marinz fest. In ihrem eigenen Wald kämpft sie schon seit den 70 – Jahren mit den Wildschäden. „Die Fichtenstangenhölzer im Wirtschaftswald waren von massiven Schälschäden betroffen. Das tatsächliche Schadensausmaß sah ich erst bei der Durchforstung. Die geschälten Stämme waren durch die Rotfäule zu I2 bzw. Energieholz entwertet und die Werbungskosten überstiegen die Erlöse bei weitem!“ erzählt Marinz und sieht die Ursache dafür in einer 40 – jährigen Untätigkeit der zuständigen Stellen: „Der Bund sei nur für das Forstgesetz, nicht jedoch für die jagdlichen Belange zuständig. Mit der Entlassung der Jägerschaft in die Selbstverwaltung hat sich die Kärntner Landespolitik überhaupt der Verantwortung für die Wald / Wildproblematik entledigt. Die Jägerschaft selbst sieht keinen Handlungsbedarf, ist sie doch nicht für den Waldzustand zuständig. Ich orte aber auch eine große Befangenheit bei den Entscheidungsträgern, weil auch viele davon in der Behörde Funktionsträger bei der Jagd sind.“
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Und hier trifft man sich auch mit den Niederösterreichischen Mitkämpfern: „Wie soll das wirklich funktionieren? Am Sonntag ist einer als Hegeringleiter zum Beispiel Bewerter bei einer Trophäenschau und muss dann am Montag als Mitarbeiter des Forstaufsichtsdienstes im gleichen Hegering möglicherweise ein Verfahren nach § 16 Forstgesetz einleiten. Diese Interessenskonflikte gehören schleunigst abgeschafft. Erst dann kann es beginnen, so zu funktionieren, wie es unsere an sich ausreichend strengen Gesetze vorsehen!“ gibt sich Wolfgang Matzinger kämpferisch.
Sachlichkeit
Die Redaktion des fortschrittlichen Landwirts sieht die Notwendigkeit, das Thema auf der Basis von Tatsachen vollkommen versachlicht zu bearbeiten. Es geht nicht darum, die ohnehin schon sehr polarsierte Situation weiter anzuheizen oder Personen zu diskreditieren. Kritische Fragen werden in den kommenden Monaten in einer öffentlichen Diskussion, die sich in Artikeln sowohl in unserer Printausgabe, in Beiträgen auf www.landwirt.com sowie in einem eigenen von uns dazu eingerichteten Diskussionsforum abspielen wird, aufgeworfen werden. Auf konkrete Antworten der Behörden warten wir gespannt.
Ein weiterer kostruktiver Beitrag der Landwirtredaktion wird sein, dass ab sofort auf unserem Internetportal www.landwirt.com in etwa 2 wöchentlich besonders bemerkenswerte Beispielsbetriebe für naturnahe Waldwirtschaft präsentiert werden.
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